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Überraschend starke Einwanderung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 08.10.2015 14:57

Afrika ist nicht nur die Wiege der Menschheit, von der mehrfach in der Geschichte unserer Art entscheidende Wanderungsbewegungen ausgingen - es wurde in prähistorischer Zeit auch selbst zum Ziel einer offenbar bedeutenden Immigration aus dem Mittleren Osten. In der aktuellen "Science" wird ein Genomvergleich vorgestellt, der dies belegt.

Blick auf die Mota-Höhle im südäthiopischen Hochland. (Foto: Science/Kathryn und John Arthur)"Grob geschätzt könnten die Einwanderer bis zu 30 Prozent der eingesessenen Bevölkerung am Horn von Afrika ausgemacht haben", erklärt der Populationsgenetiker Andrea Manica, Professor für evolutionäre Ökologie an der Universität Cambridge. Manica hat zusammen mit seinem Studenten Marcos Gallego Llorente das Genom eines vor 4500 Jahren in der Mota-Höhle im südäthiopischen Hochland beerdigten Mannes mit den Erbgutinformationen von 75 Völkern aus Afrika und Eurasien verglichen. Der Vergleich brachte eine der Grundannahmen der Populationsgenetiker über die afrikanischen Völker ins Wanken. So scheinen Völker, deren Genom bislang als weitgehend unbeeinflusst durch fremde Zuwanderer galt, einen nicht unbedeutenden Erbteil von den Einwanderern aus dem Mittleren Osten zu besitzen. "Wir sehen, dass Völker wie die Yoruba im Westen Afrikas, die Mbuti im Zentrum oder die Khoisan im Süden tatsächlich einen westeurasischen Anteil zwischen sechs und acht Prozent besitzen", so Gallego Llorente.

Belege für eine Einwanderung nach Afrika aus dem Mittleren Osten wurden erstmals im vergangenen Jahr durch eine Arbeitsgruppe um den US-Genetiker Joseph Pickrell von der Harvard Medical School vorgelegt. Danach hat sich vor rund 3000 Jahren eine Gruppe aus dem fruchtbaren Halbmond zwischen der Levante und dem Zweistromland in Richtung Ostafrika aufgemacht, deren genetische Spuren sich in den darauffolgenden Jahrhunderten selbst in die isoliertesten afrikanischen Populationen verbreiteten. Pickrell und seine Kollegen konnten ihre These nur mit populationsgenetischen Modellrechnungen belegen, denen sie Erbinformationen der heutigen afrikanischen Bevölkerung zugrundelegten.

Blick aus der Mota-Höhle im Süden Äthiopiens auf das umliegende Hochland. (Foto: Science/Kathryn und John Arthur)Mit dem Genom des 4500 Jahre alten Mannes aus Südäthiopien ist das jetzt anders geworden, denn er lebte unzweifelhaft vor der Ankunft der Menschen aus dem Mittleren Osten und bietet damit ein Vergleichsgenom ohne den Erbanteil der Neuankömmlinge. "Wenn wir das Mota-Genom als Grundlage nehmen, können wir die mittelöstliche Genomkomponente jeder einzelnen modernen afrikanischen Population neu berechnen", erklärt Gallego Llorente, "und da sehen wir, dass die Einwanderungsbewegung viel stärker war als erwartet." Der mittelöstliche Genomanteil reicht von 54,2 Prozent in den Tigray Nordäthiopiens bis zu 6,8 Prozent bei den zentralafrikanischen Mbuti. "Es ist ein stimmiges Muster von sehr hohen Anteilen im Nordosten Afrikas zu zu geringen in Zentral-, West- und Südafrika", sagt der Genetiker, "aber das Coole ist, dass es nie weniger als diese 6,8 Prozent sind." Wer genau die Einwanderer waren und warum sie sich in Richtung Afrika aufmachten, ist den Genvergleichen natürlich nicht zu entnehmen. Doch sind sie offenbar sehr eng mit der Population verwandt, die vor rund 8000 Jahren Ackerbau und Viehzucht von Kleinasien aus nach Europa brachte und auf dem Alten Kontinent die einheimischen Jäger und Sammler weitgehend verdrängte. Auch nach Afrika scheinen die Neuankömmlinge dort unbekannte Getreidearten wie Weizen, Gerste oder Linsen mitgebracht zu haben. "In Afrika kannte man schon vorher Ackerbau", so Gallego Llorente, "aber die neuen Arten, die die Einwanderer mitbrachten, verhalfen der Landwirtschaft wahrscheinlich endgültig zum Durchbruch."

Ausgrabung in der Mota-Höhle, Äthiopien, 2010. (Foto: Science/Kathryn und John Arthur)Das Genom aus der äthiopischen Mota-Höhle ist das erste eines prähistorischen Menschen aus Afrika. "Bisher stammen alle derartigen Gensequenzen aus Europa, Sibirien oder Nordamerika", erklärt Gallego Llorente, "weil sich DNA in diesen kälteren Regionen besser erhält." Die Mota-Höhle liegt auf 1963 Metern Höhe im südäthiopischen Hochland, wo die Gipfel bis zu 4500 Meter hoch werden können, für den Erhalt der empfindlichen Erbsubstanz sind das gute Voraussetzungen. Die Populationsgenetiker hoffen jetzt auf weitere Funde wie den aus der Mota-Höhle, um die vergangenen Wanderungsbewegungen auf dem Schwarzen Kontinent besser erfassen zu können. "Wir kennen uns in Europa relativ gut aus, aber Afrika und auch Asien sind weitgehend unbekannt", erklärt Marcos Gallego Llorente, "wenn wir zukünftig mehr Informationen erhalten, können wir Schritt für Schritt die vermutlich extrem komplexen Migrationen in Afrika entschlüsseln."