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Überraschender Besuch

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 18.01.2013 13:40

Die Niederländer, die seit dem Beginn des 17. Jahrhunderts gelegentlich die australischen Küsten anliefen, sind nicht die Ersten gewesen, die den seit 8000 Jahren durch die Torres-Straße vom Rest Südostasiens isolierten Kontinents besuchten. Schon gar nicht war James Cook ein Pionier, als er am 29. April 1770 in der Botany Bay beim heutigen Sydney seinen Fuß an Land setzte und die britische Kolonisierung einleitete. Die frühesten Besucher waren Inder, vermutlich verwandt mit den Völkern der drawidischen Sprachfamilie, die heutzutage vor allem den Süden und Südosten des Subkontinents besiedeln.

So könnten Menschen vom indischen Subkontinent nach Australien gekommen sein. (Bild: MPI, Gunter Senft)Eine populationsgenetische Studie des Leipziger Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in den Abhandlungen der US-amerikanischen Akademie der Wissenschaften ist der Frage nachgegangen, wie isoliert die Aborigines in Australien waren, seit sie vor mindestens 45.000 Jahren über die damals trockengefallene Torresstraße einwanderten. "Den indischen Beitrag zum Genom der australischen Ureinwohner haben wir auf rund zehn Prozent geschätzt", erklärt Hauptautorin Irina Pugach, Postdoc am Leipziger MPI, gegenüber der "Times of India". Wie groß die indische Gruppe war, können die Wissenschaftler nicht sagen, doch den Zeitpunkt der jüngsten Vermischung konnten sie ungefähr eingrenzen auf 141 Generationen vor heute. 

Bei einer Generationslänge von rund 30 Jahren bedeutet das einen Zeitpunkt ungefähr 4230 Jahre vor heute. Das passt gut zu einer Veränderung in den archäologischen Funden im australischen Norden. Damals tauchten dort sogenannte Mikrolithe auf, kleine Steinwerkzeuge wie Pfeil- oder Speerspitzen - und es erschien der Dingo, der australische Wildhund, der als so typisch für den fünften Kontinent gilt. Es liegt daher nahe und die Leipziger Forscher ziehen auch diesen Schluss, dass die Neuankömmlinge aus Indien sowohl die neuartigen Werkzeuge als auch den Hund mitbrachten. "Wir können nicht sagen, ob es eine einzelne Einwanderung war oder ein regelmäßiger Kontakt über einen längeren Zeitraum", erläutert Pugach in einer Email, "wir können nur sagen, dass der Genfluss gleichmäßig war und die Generationszahl ein oberes zeitliches Limit angibt."

Die Inder müssen den Kontinent auf dem Wasserweg erreicht haben, genauso wie 2700 Jahre später die Europäer. Die auf Neuguinea lebenden Völker waren dagegen ebenso wenig Seefahrer wie die australischen Ureinwohner selbst, so dass die 150 Kilometer breite Torresstraße zwischen ihnen eine wirksame, nur für sporadischen Handel überbrückte Schranke bildete. Der auffällige Genfluss vom indischen Subkontinent nach Australien ist daher die einzige Spur von stärkerem Austausch während des Holozäns, bis die Europäer im 17. und 18. Jahrhundert kamen.

Wirklich isoliert war Australien allerdings erst mit Beginn des Holozäns, als vor rund 8000 Jahren das inzwischen Sahul getaufte Verbindungsland zwischen dem Kontinent und der nördlich gelegenen Insel Neuguinea endgültig in den Fluten von Korallen- und Arafurasee versank. In den fast 100.000 kühlen Jahren zuvor hatten die gefallenen Meeresspiegel die Wanderung der Einwohner Neuguineas und Australiens sehr erleichtert. Nicht nur zwischen Neuguinea und Australien bestand über lange Zeiträume eine Landverbindung, auch ein großer Teil des heutigen indonesischen Archipels war zumindest zeitweise trockengefallen, weiter nordwestlich galt dies auch die Meerenge Bab-al-Mandab am Ausgang des Roten Meeres und die Straße von Hormuz am Persischen Golf. Die populationsgenetische Studie aus Leipzig hat die Indizien vermehrt, dass die Ureinwohner Australiens und Neuguineas offenbar diese Südroute aus Afrika heraus nahmen, über das südliche Arabien und die indischen Küsten entlang. Sie ist wesentlich kürzer als die sogenannte Nordroute, die über Palästina und den Kaukasus führt.

Die Untersuchung am Genom von insgesamt 344 Menschen aus drei Kontinenten ist eine von nur wenigen genetischen Studien zur Abstammung der australischen Ureinwohner. Und sie hat ausschließlich genetisches Material von Menschen aus dem Norden Australiens analysiert. Sheila van Holst Pellekaan, Genetikerin und Spezialistin für den Ursprung der Aborigines an der Universität von New South Wales in Sydney, warnte daher gegenüber "Nature": "Die Studie ist definitiv nicht repräsentativ für Australien." Sie erwartet, dass es durchaus mehrere solcher Einwanderungsschübe gegeben haben könne, die in unterschiedlichen Gegenden des riesigen Kontinents an Land gingen und daher verschiedene Völker beeinflussten. Auch Alan Cooper, Director des Australischen Zentrums für alte DNA an der Universität von Adelaide, betonte gegenüber der "Canberra Times", dass sie vor allem zeige, wie wenig die Wissenschaft derzeit noch über die Entwicklung der Menschen auf dem fünften Kontinent wisse. "Wir wissen nicht, wie repräsentativ dieser Befund für Australien ist", gibt Irina Pugach zu, "um so wichtiger sind weitere umfassende Studien." Doch die Chancen dafür stehen wohl nicht gut. Die australischen Ureinwohner hegen anscheinend großes Misstrauen gegenüber den Genforschern und kooperieren nur sehr zurückhaltend.