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Überraschendes Manöver

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 29.08.2011 16:51

Paukenschlag in der internationalen Meerestiefbohrung: Die USA steigen aus dem Konsortium aus, das ab 2013 als Nachfolger des Internationalen Meerestiefbohrprogramms IODP geplant war. Mit einer kurzen Mail zieht die National Science Foundation, die die Mittelverwendung steuert, einen Schlussstrich unter die seit 2003 laufende Kooperation mit Japan und dem europäischen Konsortium.

Joides Resolution im Hafen von Puntarenas"Wenn man die wahrscheinliche Entwicklung unseres Budgets ansieht, ist das die beste Art, die amerikanische Wissenschaft zu unterstützen", erklärte Timothy Killeen, für Geowissenschaften zuständiger Direktor der National Science Foundation (NSF), gegenüber "Science". Über die NSF wurde bislang der amerikanische Anteil an den internationalen Konsortien finanziert. Beim IODP lag er zuletzt bei rund 40 Prozent der Gesamtkosten.

"Wir wussten, dass sie etwas ändern wollten", erklärt Catherine Mevel, Direktorin der europäischen Ecord-Initiative, die einen Anteil von rund 20 Prozent am IODP trägt, "sie brauchten ein tragfähiges Betriebsmodell für ihr Bohrschiff, die Joides Resolution." Es sind offenbar die drastischen Mehrkosten für die Modernisierung des amerikanischen Schiffes im Jahr 2009 und deftige Betriebskostensteigerungen im laufenden Jahr, die die NSF ins Schleudern brachten.

Bohrkernlager an Bord"Das war zu befürchten", kommentiert daher Jochen Erbacher, Leiter des deutschen IODP-Koordinierungsbüros, "aber der Stil ist sehr, sehr fragwürdig, und vor allem der Zeitpunkt hat uns sehr geärgert." Erst Mitte Juni hatten IODP-Manager den Wissenschaftsplan für das kommende Programm vorgestellt, das bis 2023 hätte laufen sollen. Auf dem Podium der Pressekonferenz in Amsterdam saßen auch Vertreter der USA, darunter Maureen Raymo vom Lamont-Doherty-Earth Observatory der New Yorker Columbia Universität, die das geplante Programm in hehren Worten würdigte: "Es wird die Forschung voranbringen, weil es den Erdmantel anpeilt, Leben in extremen Umgebungen untersuchen und Klimainformationen vom Boden des arktischen Ozeans bergen wird."

Keine drei Monate später ist all dies Makulatur: In einer kurzen, unscheinbaren Email verkündete die NSF den Ausstieg. "Sie kam vor gut einer Woche", erinnert sich Erbacher, "zusammen mit anderen Routineinformationen aus dem IODP." Ein Ende der internationalen Tiefbohrungen in den Weltozeanen erwartet er jetzt nicht: "Sie werden weitergehen, wenn auch in anderer Form". So etwas deutet die NSF in ihrem Schreiben auch an. Man wolle "ein neues Arbeitsmodell, das die Betriebskosten optimiert und externe Geldquellen für den Betrieb der 'Joides Resolution' erschließt", schreiben die NSF-Manager Killeen und David Conover. 

Mit ihrem Bohrschiff wollen die USA künftig offenbar ihr eigenes Programm mit Hilfe von kooperations- und vor allem zahlungswilligen Partnern durchziehen, statt sich mit zuletzt 24 Konsortialpartnern langwierig abzustimmen. Von US-Wissenschaftlern wird das unterschiedlich kommentiert. "Ich bin davon überzeugt, dass diese neue Strategie letztendlich dazu führt, dass die 'Joides Resolution' mehr Wissenschaft für mehr Wissenschaftler ermöglicht, sowohl für solche aus den USA als auch für solche von anderen Nationen", erklärt Maureen Raymo. Wesentlich zurückhaltender klingt Theodore Moore Jr., emeritierter Professor an der Universität von Michigan in Ann Arbor gegenüber "Science": "Die Optionen waren offenbar, das Konsortium zu verlassen und es selbst zu machen, oder die Tiefbohrvorhaben komplett einzustellen."

Anzeichen für Schwierigkeiten hatte es bereits im Lauf des Jahres gegeben. Die Treibstoffkosten waren seit Ende 2010 um 30 Prozent gestiegen, so dass im Mai für das kommende Jahr eine Verringerung der Schiffszeit von acht auf sechs Monate verfügt wurde, eine von vier geplanten Expeditionen mit der "Joides Resolution" muss daher verschoben werden. Dennoch fühlen sich die internationalen Partner der USA überrumpelt. "Die Ankündigung läuft den Diskussionen unter den Partnerstaaten komplett zuwider", klagt Shingo Shibata, Direktor für Tiefseeforschung im japanischen Erziehungsministerium, das ebenso wie die NSF 40 Prozent zum derzeitigen IODP-Budget beisteuert.

Bohrkern 1049bDerzeit diskutieren die übriggebliebenen Partner des Tiefbohrkonsortiums, wie es weitergehen wird. Dass Japan und die europäische Ecord-Organisation, an der auch Kanada beteiligt ist, den amerikanischen Anteil übernehmen und das Programm wie geplant fortführen, hält der deutsche IODP-Koordinator Jochen Erbacher für Wunschdenken. Die europäische Kooperation wird fortgesetzt, "das", so Erbacher, "ist ja eine Erfolgsgeschichte". Noch hat sich deren Rat nicht mit dem Thema beschäftigt, aber die Ecord-Direktorin Catherine Mevel betont: "Wir halten es für wesentlich, dass irgend eine Art von internationalem Organisationsrahmen für alle drei Programmpartner erhalten bleibt." Der Zugang zu den bereits erbohrten und den künftig zu erwartenden Bohrkernen müsse wie gehabt erhalten bleiben, so Mevel weiter. Und auch an der Zusammenarbeit mit Japan werde man festhalten. Schließlich bietet das Bohrschiff "Chikyu" Möglichkeiten, die keine andere Plattform der Welt zur Verfügung stellen kann.

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