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Überraschung im Indischen Ozean

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 17.10.2012 11:58

Vor der Küste Sumatras haben Seismologen Signale für das Auseinanderbrechen einer Krustenplatte aufgefangen. Zwei Erdbeben im Inneren der Indo-Australischen Platte sind im April dieses Jahres so stark gewesen, dass sie als Indizien für das Auseinanderbrechen dieser Platte gewertet werden.

Die Situation der Krustenplatten im nördlichen Indischen Ozean vor Sumatra. (Bild: Nature)Am 11. April 2012 verzeichneten die Seismometer weltweit zwei schwere Erdbeben vor der Westküste Sumatras. Mit 8,6 und 8,2 auf der Momentmagnitudenskala gehören sie zu den schwersten seit Beginn der Statistik, doch glücklicherweise blieben die Erschütterungen ohne Auswirkungen an Land. "Dennoch werden die beiden Beben in die Annalen der Seismologie eingehen", schreibt Jean-Yves Royer vom Institut für Meeresforschung der Universität Brest in "Nature". Denn es sieht so aus, als ob diese Beben das Entstehen einer neuen tektonischen Platte ankündigen. Die riesige Indo-Australische Platte scheint in zwei Teile gerissen zu werden. "Wir konnten noch nie beobachten, wie dieser Prozess einsetzt", erzählt Thorne Lay, Geophysiker an der Universität von Kalifornien in Santa Cruz, "wahrscheinlich zeigten uns diese beiden Beben vom 11. April im Indischen Ozean einen winzigen Zwischenschritt in diesem Prozess." Wie für nahezu alles in der Geologie, gilt für diese Geburt einer neuen Bruchzone an der Erdoberfläche eine ganz andere, viel längere Zeitskala, als wir Menschen zu denken gewohnt sind. Die Grenze wird durch zahllose Erdbeben und über zehner Millionen Jahre hinweg entstehen", schätzt Lay. 

Plattengrenzen, Bruchzonen gibt es auf der Erde viele. Schließlich zerfällt die Oberfläche in gut ein halbes Hundert mehr oder weniger große Platten, und viele von ihnen sind darüber hinaus auch noch aus mehreren Teilen zusammengesetzt. Manche Kontinentkeime sind Milliarden Jahre alt, weil sie wie Schaum auf der Oberfläche schwimmen und Kollisionen so überstehen. Ozeanische Krustenplatten dagegen sind sehr jung, keine hat mehr als 100 Millionen Jahre auf dem Buckel. Zu dieser Kategorie gehört der Plattenteil, in dem es im April dieses Jahres bebte. "Die Beben vom 11. April ereigneten sich mitten in der Indo-Australische Platte", berichtet Thorne Lay, "solche 'Intraplattenbeben' sind seltener als die an den Grenzen, wo zwei tektonische Einheiten aneinanderstoßen." 

Seltener heißt allerdings nicht unbekannt. Manche verheerende Beben der jüngeren Vergangenheit gehören zu den Intraplattenbeben, etwa das Beben in der nordchinesischen Sichuan-Provinz, bei dem mindestens 80.000 Menschen umkamen. Doch normalerweise sind sie nicht so stark wie die Beben an den Plattengrenzen. Das Sichuan-Beben setzte beispielsweise nur ein Fünfundvierzigstel der Energie frei, die das Tohoku-Beben entfesselte. Bei den beiden Intraplattenbeben vom April war das allerdings anders: Das stärkere mit seiner Magnitude von 8,6 war elfmal so stark wie das Sichuan-Beben, und rangiert daher in den Top Ten der Erdbebenstatistik. Das Weihnachtsbeben 2004 mit Epizentrum vor Banda Aceh war zwar acht Mal stärker, aber trotzdem sind die beiden Beben aus diesem April bemerkenswert. "Sie waren die stärksten je gemessenen Intraplattenbeben", sagt Thorne Lay. 

Erklären lässt sich das mit der geologischen Gesamtsituation in der Region. Sie gehört zu den komplexesten und aktivsten der Erde. So liegen die jetzigen Bebenherde keine 200 Kilometer vom Epizentrum des Weihnachtsbebens entfernt, geologisch gesehen weniger als ein Katzensprung. "Dort sinkt die Indo-Australische Platte unter die Sunda-Platte, wird also subduziert. Derzeit drängt diese Indo-Australische Platte als Einheit nach Norden. Allerdings bewegt sich der Teil mit Australien durch diese Subduktion der Indo-Australischen Platte relativ schnell; der Teil hingegen, auf dem Indien sitzt, wird durch die Kollision mit Eurasien gebremst", erklärt Matthias Delescluse von französischen Wissenschaftszentrum CNRS in Paris. Der Geschwindigkeitsunterschied zwischen den beiden Plattenstücken sorgt für Spannungen, die sich immer wieder in starken Beben entladen und langfristig zu eben diesem dauerhaften Bruch einer neuen Plattengrenze führen können. "Die April-Beben entstanden genau dort, wo die neue Grenze entstehen könnte", so Delescluse, "derzeit ist sie noch diffus, mit vielen Störungen. Läuft der Prozess weiter, wird sich eine klare Plattengrenze mit einer einzigen Störung herausbilden."

Die beiden Intraplattenbeben vor Sumatra lösten im April 2012 Erdbeben vor der amerikanischen Westküste aus. (Bild: Nature/USGS, Fred Pollitz)Die räumliche Nähe zum Megabeben von 2004 ist ebenfalls keineswegs zufällig. Die April-Beben könnten die Folge einer Serie sehr starker Beben sein, die sich zwischen 2004 und 2007 an der Subduktionszone unter die Sunda-Platte ereigneten. "Dadurch veränderten sich die Spannungsverhältnisse im Inneren der Indo-Australischen Platte so stark", sagt Delescluse, "dass die - wenn man so will - gerade entstehende Plattengrenze reagierte." Und das Intraplattenbeben hatte wiederum weitreichende Folgen. "Ihm folgten in den Tagen danach weitere starke Beben - und zwar rund um die Erde", berichtete Fred Pollitz, Seismologe beim US-Erdbebendienst USGS, "normalerweise triggern schwere Ereignisse 'lediglich' in einem Umkreis von rund 1000 Kilometern Nachbeben, die selbst stark genug sind, um Schäden anzurichten. Aber diesmal verfünffachte sich in den Tagen danach die Rate dieser Beben." Es gab sechs starke Nachbeben vor der Küste Oregons, der Baja California, dem Mexikanischen Graben, vor Japan, Indonesien und Griechenland.