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Umsetzung dringend erwünscht

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 06.05.2010 12:00

Das Schicksal Westafrikas hängt vom Monsun ab. Wenn das Windsystem genügend Regen vom Atlantik auf den Kontinent bringt, können die Menschen im Sahel und im tropischen Gürtel entlang der Guineaküste gut leben. Ist der Monsun aber schwach oder bleibt gar ganz aus, stürzt die Region in eine Hungersnot. AMMA, ein von der EU finanziertes Forschungsprojekt mit afrikanischen und europäischen Partnern hat in den vergangenen fünf Jahren das lebensnotwendige Windsystem eingehend erforscht. Die Ergebnisse, die jetzt auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in Wien vorgestellt und diskutiert wurden, müssten allerdings in praktische Wettervorhersageprodukte umgesetzt werden.

Trockenrisse im afrikanischen BodenDer westafrikanische Monsun ist ein recht veränderliches Windsystem. In den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts brachte er ausreichend Feuchtigkeit und damit gute Ernteerträge auf den Kontinent. Doch in den 70er schwächte er sich urplötzlich drastisch ab, was Hungersnöte hervorrief. Die Monsunschwäche hielt bis in die 90er Jahre an, deshalb hat das von der EU finanzierte AMMA-Projekt in den vergangenen fünf Jahren versucht, die Wissensbasis über dieses lebensnotwendige Windsystem so zu verbreitern, dass die afrikanischen Wetterdienste zuverlässigere Prognosen abgeben können.

"Es regnete in Westafrika genauso viel wie in Deutschland, nur dass der Regen während drei, vier Monaten fällt", erklärt Jan Polcher vom französischen Forschungszentrum CNRS, der Koordinator des AMMA-Projektes. Die Landwirtschaft in den Ländern Westafrikas ist im Grunde gut an diese kurze Regenzeit angepasst, es werden geeignete Pflanzen angebaut und die Bauern kennen die Zeichen, die die kommende Regenzeit ankündigen. Die Bauern wissen auch, dass das Wetter tückisch sein kann und sie tunlichst nicht alle Karten auf ein Pferd setzen sollten. "Sie behalten von der jüngsten Ernte genügend Saatgut", so Polcher, "um dreimal aussäen zu können." Sobald genug Regen gefallen ist, um die obersten Zentimeter der Erde zu durchfeuchten, wird das erste Mal ausgesät. Falls nach der Aussaat kein Regen mehr fällt, war sie zwar vergebens, doch es bleiben ja noch zwei weitere Versuche. "Natürlich könnte man das durch eine Vorhersage, wann der Monsun kommt, unterstützen", so Polcher.

WestafrikaDoch davon sind die Wetterdienste in Westafrika noch meilenweit entfernt. Bislang verstand man das System des westafrikanischen Monsuns gar nicht gut genug, um sein Verhalten vorhersagen zu können. Das System ist ein komplexes Zusammenspiel von Ozean, Atmosphäre und Landoberfläche, bei dem viele Faktoren bestimmen, wann und wo wieviel des lebensnotwendigen Regens fällt. Der Beginn des Monsuns hängt offenbar zusammen mit der Ausbildung einer Zunge kalten Wassers im Golf von Guinea unterhalb der westafrikanischen Landmasse. Das geschieht im Frühjahr und verstärkt den Druckunterschied zwischen der Atmosphäre über dem Meer und über dem Festland und beeinflusst so die Stärke der Monsunströmung, die dann mit einer gewissen Zeitverzögerung im Sommer einsetzt.

Die konkrete Ausprägung der Regenzeit wird überraschend stark durch den Boden beeinflusst. "Afrika sollte der Theorie zufolge einer der Orte auf der Welt sein, wo Boden und Atmosphäre stark miteinander wechselwirken", so Polcher, "während der Amma-Kampagne haben wir wirklich beobachten können, wie Kontraste in der Bodenfeuchte zum Beispiel, oder in der Vegetation Stürme auslösen können und starken Niederschlag produzieren." Dabei ist es offenbar so, dass der Durchzug eines Regengebiets Niederschläge in den benachbarten Regionen auslöst, weil der durchnässte Boden die über ihm liegende Luft abkühlt und mit Feuchtigkeit sättigt und so Konvektionssysteme entstehen lässt, die nebenan für Niederschläge sorgen. Jan Polcher: "Die Stürme entstehen über den trockenen Gebieten, leben aber vom Wasser, das von den feuchten Gebieten kommt." Besonders ausgeprägt ist dieser Effekt in der Sahelzone, wo nur wenig Vegetation den Boden verdeckt und die Verdunstung dämpft.

Staubfahnen über Nordwest-AfrikaFünf Jahre hat AMMA das Monsunsystem über Westafrika intensiv erforscht, allein im Jahr 2006 sind fünf Forschungsflugzeuge, drei Schiffe und zahlreiche landgestützte Messstationen eingesetzt worden, um so viele Daten wie möglich über den westafrikanischen Monsun zu sammeln. "Es gab zwei oder drei Wochen, in denen wirklich alle fünf Flugzeuge zusammen vor Ort waren", so Polcher, "an einigen Tagen sind sie koordiniert geflogen und haben dasselbe Objekt unter unterschiedlichen Aspekten studiert." Durch Projekte wie AMMA und darauf aufbauende Modellierungen ist das Wissen über den westafrikanischen Monsun in den vergangenen zehn Jahren wesentlich verbessert worden, aber "jetzt", so Polcher, "müssen wir sehen, wie dieses Wissen in wirklichen Vorhersagen umgewandelt werden kann".

Diese Umsetzung wissenschaftlicher Ergebnisse in die praktische Arbeit der Wetter- und Hydrologiedienste scheint eine der großen Herausforderungen für die Zukunft zu sein. Denn anders als im reichen Europa ist die Verbindung zwischen Wissenschaft und operationellen Wetterdiensten in Afrika nicht sehr ausgeprägt. "Das ist ein kritisches Problem, weil die Dienste oder die Institute dort leider nicht das Personal haben, um diese Brücke zu schlagen", so Polcher. Im Rahmen des europäisch-afrikanischen Projektes sind Kontakte geknüpft worden, die jetzt verstetigt werden müssten. Dazu wäre es wichtig, verstärkt Nachwuchs sowohl für die Forschung als auch für die Dienste selbst auszubilden. "Das ist, glaube ich, eine Herausforderung für die Politiker in Afrika und in Europa."

Lohnen würde es nach Polchers Erfahrungen in jedem Fall, denn die Menschen in den betroffenen Gebieten sind sich ihrer Abhängigkeit vom Wetter sehr bewusst. "Klima erscheint für über 40 Prozent der Leute als der wichtigste Faktor", berichtet Jan Polcher, "damit wissen wir, dass wenn gute Klimavorhersagen verfügbar sind, sind Leute bestimmt interessiert, und werden sie auch ausnutzen können."

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