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Umstrittener Zeuge

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 14.04.2010 14:43

Aus der Entstehungszeit unserer Gattung sind uns bislang nur sehr spärliche Fossilien überliefert. Der Übergang von den Vormenschen der Gattung Australopithecus zu den Frühmenschen unserer Gattung Homo ist daher ein heftig diskutierter Ablauf, der sich buchstäblich mit jedem neuen Fund ändern kann. In "Science" berichteten Forscher aus Südafrika von einem erstaunlichen neuen Fund, um den sich sofort eine Kontroverse entwickelte.

Blick über SterkfonteinDer Witwatersrand in Südafrika ist berühmt für seinen immensen Goldreichtum. Rund 40 Prozent des bisher weltweit geschürften Goldes wurden in der dichtbevölkerten Zentralregion um Johannesburg und Pretoria gewonnen. Der Nordwesten des Ballungsraums ist allerdings für einen anderen Schatz berühmt. Dort steht die "Wiege der Menschheit", wie die Südafrikaner stolz die Höhlen in Sterkfontein, Swartkrans oder Kromdraai nennen.

Seit den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts haben die Ausgräber hier außerordentlich vielfältige Überreste von Vormenschen der Gattungen Australopithecus und Paranthropus sowie von Frühmenschen gefunden. In diesem Jahr sind jetzt weitere Funde einer vollkommen neuen Art, Australopithecus sediba, hinzugekommen. Der Paläoanthropologe Lee Berger von der Universität des Witwatersrand entdeckte sie in der rund 15 Kilometer von Sterkfontein entfernten Höhle von Malapa.

Australopithecus sediba, SchädelLee Berger und seine Kollegen fanden zwei Skelette der neuen Art: das einer Frau und das eines etwa zwölfjährigen Jungen. Die ersten Knochen, Schlüsselbein und Unterkiefer des Jungen, hatte Bergers neun Jahre alter Sohn Matthew entdeckt, der seinen Vater bei seiner Exkursion begleitete. Die beiden Australopithecinen waren offenbar durch einen Schacht in der Oberfläche in eine Karsthöhle gefallen und dort gestorben. Wahrscheinlich geschah das aber nicht am Fundort, die Verteilung der Knochen spricht vielmehr dafür, dass die Leichen durch Wasser an ihren endgültigen Platz transportiert wurden, wo sie dann fast zwei Millionen Jahre lang blieben. Die Kalksteinhöhle im Buschland nordwestlich von Krugersdorp wird erst seit 2008 erkundet und hat doch schon solch aufsehenerregende Funde ergeben.

Denn Australopithecus sediba hat Merkmale, die man erst bei unserer eigenen Gattung Homo findet und nicht bei den Vormenschen, obwohl die beiden bislang gefundenen Individuen sonst ausgesprochene Australopithecinen sind. Da man bislang den Übergang von den Vor- zu den Frühmenschen nicht mit Fossilien belegen kann, bringen Berger und seine Kollegen ihren Fund als einen Kandidaten für den Übergang ins Spiel. "Australopithecus sediba könnte sich als Stein von Rosetta herausstellen, der für uns die Geheimnisse der Entstehung von Homo enträtselt", so Lee Berger.

Ob A. sediba dasselbe für die Forschung über die frühen Menschen leistet wie der Stein von Rosetta für die Entschlüsselung der altägyptischen Hieroglyphen, wird allerdings von Bergers Kollegen bezweifelt. Vor allem das Alter der Funde von Malapa ist ein Problem, denn die beiden Skelette sind jünger als die ältesten Homo-Fossilien, die 2,3 Millionen Jahre alt, aber ebenfalls nicht unumstritten zu Homo gehörig sind. Die beiden Individuen aus der Höhle in Südafrika  kommen also als Stammeltern der Gattung Mensch auf keinen Fall in Frage.

Den seit 1989 in Südafrika lebenden Amerikaner beeindruckt das indes wenig. "Wir wissen nicht, zu welchem Zeitpunkt im Leben der Art Australopithecus sediba die beiden Individuen lebten", betont er. Will sagen: Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich die Gattung Homo aus A. sediba heraus entwickelte und die Australopithecus-Art danach noch weiter bestand. Wahrscheinlicher sei allerdings, räumt auch Berger ein, dass A. Sediba ein Cousin unserer Gattung ist, der sich parallel zu Homo aus dem Australopithecus africanus entwickelte und in einer evolutionären Sackgasse endete. Dessen berühmtester Vertreter ist das "Taung-Baby", das 350 Kilometer entfernt gefunden wurde - diese Art sieht Lee Berger auch als Ursprungsform der Gattung Homo an. Indes ist auch diese Hypothese umstritten.


Australopithecus sedibaEines allerdings ist bei Australopithecus sediba klar, so Berger: "Wir haben eine solche Kombination von Merkmalen noch bei keinem anderen Homininen gesehen. Das Fossil ist gleich weit entfernt von Australopithecus africanus und den ersten Homo-Arten entfernt." Das Gesicht etwa sieht dem Turkana-Jungen sehr ähnlich, der als Homo erectus oder Homo ergaster klassifiziert wird, als eindeutiger Frühmensch also. Andererseits hat A. sediba eindeutig die langen Arme der Australopithecinen, ja sie sind in seinem Fall sogar auffallend lang. "Die Art ist definitiv noch auf Bäumen herumgeklettert", erklärt Lee Berger. Kombiniert wurde das wiederum mit Beinen, die laut Berger eindeutig für zweibeinigen Gang sprechen. Auch das Gehirnvolumen von 420 Kubikzentimetern ist eindeutig australopithecin, "aber", so Berger, "die Art, wie das Gehirn geformt ist, ist wie bei Homo erectus". unterstreicht Berger. Welche Stellung Australopithecus sediba künftig in der zunehmend komplexer werdenden Ahnenfolge des Menschen einnehmen wird, werden die Paläoanthropologen daher erst in langwierigen Diskussionen ausfechten müssen.

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