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Ungünstige Entwicklung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 20.12.2012 15:11

Den Sumerern wird gemeinhin die Erfindung der Schrift zugeschrieben. Sie errichteten vor rund 5000 Jahren die erste mesopotamische Hochkultur und verschwanden im ersten Viertel des zweiten vorchristlichen Jahrtausends. Ihre Schrift jedoch, das Schriftsumerische, blieb bis ins erste vorchristliche Jahrhundert als Hochsprache der Gelehrten und Priester erhalten. Die Sumerer scheinen derselben Dürre zum Opfer gefallen zu sein, die am Ende des dritten Jahrtausends vor Christus das Großreich von Akkad fällte, das erste Imperium der Weltgeschichte.

"Vor 4200 Jahren setzte eine schwere Dürre im Mittleren Osten ein", erklärt Matthew Konfirst, Klimatologe am Byrd-Zentrum für Polarforschung an der Universität von Ohio in Columbus, "eine Reihe von Klimaarchiven zeigt, dass sie 200 bis 300 Jahre andauerte." Damals geriet der Monsun, der für erträgliche Temperaturen im südlichen und ausreichend Regen im nördlichen Mesopotamien sorgte, in eine ausgedehnte Schwächephase. "Der Monsun war vor 8000 Jahren am stärksten und schwächte sich ab einem Zeitpunkt vor etwa 6000 Jahren immer mehr ab", erklärt Konfirst. Die Auswirkungen spürten die Kulturen des Zweistromlandes genauso wie weiter östlich die Harappa-Kultur im heute pakistanischen Industal.

Altsumerische Keilschrifttafel, ca. 2500 v. Chr., aus dem Archäologischen Museum Istanbul. (Bild: Flickr/Prof. Mortel)Der Fall von Akkad ist eines der gut dokumentierten Paradebeispiele dafür, dass das Klima den Gang der Weltgeschichte beeinflusste. Das kriegerische Volk unterwarf unter seinem bedeutendsten Herrscher Sargon zum Ende des 24. vorchristlichen Jahrhunderts der Reihe nach alle Nachbarn und schuf das erste der orientalischen Großreiche. Auch die sumerischen Stadtstaaten gerieten in Abhängigkeit der Großkönige von Akkad, bis das Reich Ende des 22. Jahrhunderts geradezu zusammenklappte. Das Bergvolk der Gutäer taucht in den Chroniken als Akkads Feind auf, doch die wirklich tödliche Bedrohung dürfte vom abgeschwächten Monsun ausgegangen sein. Der Regen reichte nicht mehr, um so viel Lebensmittel anzubauen, dass davon auch der gewaltige Beamtenapparat eines Großreiches ernährt werden konnte. Immerhin verloren die Akkader mit ihrem Großreich nicht alles: Rund 50 Jahre konnten die Nachfolger der Großkönige noch als Lokalfürsten der ehemaligen Reichshauptstadt überleben, dann verliert sich ihre Spur. Im Süden des Zweistromlandes war die klimatische Situation von Anfang an prekärer als im Norden. Hier fiel so wenig Regen, dass der Boden ohne Bewässerung versteppte. Doch gerade das hat wohl überhaupt erst den Anstoß zur sumerischen Hochkultur gegeben, die seit dem 30. Jahrhundert vor Christus aufblühte. Die Sumerer beherrschten die Kunst des Kanalbaus und sie konnten organisieren, und so schufen sie die ersten Staaten der Weltgeschichte vermutlich, um die Verwandlung des staubigen Landes zwischen Euphrat und Tigris in das fruchtbare Paradies zu organisieren, das es für fast 4000 Jahre bleiben sollte. Freilich blieben ihre Staaten klein und untereinander heftig zerstritten, was sie zur leichten Beute für die akkadischen Großkönige aus dem Norden werden ließ.

Unter deren Oberherrschaft regierten weiterhin sumerische Stadtkönige den Süden des Zweistromlandes, und als die Großkönige fielen, änderte sich für die Sumerer nicht viel, außer dass man bei den nachbarschaftlichen Kämpfen plötzlich keine Rücksicht mehr auf irgendwelche Oberherren aus dem Norden zu nehmen brauchte. Anders als ein knappes Jahrtausend zuvor schälte sich so etwas wie ein sumerisches Reich aus diesen Kämpfen heraus. Zuletzt unter der Führung der Könige von Ur dehnten die Sumerer ihre Herrschaft sogar ins nördlich angrenzende Elam aus. Und dann ging es ihnen genauso wie zwei Jahrhunderte zuvor den Akkadern.

Gegen die langanhaltende Dürre halfen offenbar auch die Bewässerungssysteme nicht mehr genug, für die sumerischen Städte und das neusumerische Reich wurde es eng. "Die Elamiter nutzten die Lage aus", erklärt Konfirst, " sie plünderten Ur und brachten die sumerische Kultur zum Einsturz." 2004 vor Christus eroberten die Elamiter die sumerische Hauptstadt. Auf die Zeitgenossen machte das damals offenbar ähnlichen Eindruck wie 1400 Jahre später der Untergang von Assur und Ninive oder im 16. Jahrhundert nach Christus die Plünderung des päpstlichen Roms durch spanische Truppen. "Mit der Invasion und dem Ende der letzten sumerischen Dynastie verschwand Sumerisch auch aus dem Alltagsleben", so Konfirst weiter, "wir haben damit eine Sprache verloren, die keine Verwandten unter den modernen Sprachen mehr hat." Die Schrift wurden jedoch weiter benutzt: Alle nachfolgenden orientalischen Reiche verwendeten die Keilschrift sumerischen Ursprungs, sogar im persischen Alphabet fanden sich Anleihen.