Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Unscheinbare Walverwandtschaft

Unscheinbare Walverwandtschaft

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.06.2009 13:45

Ein nur fuchsgroßer Paarhufer, der vor 40 bis 50 Millionen Jahren verstohlen durch die Dschungel Südostasiens huschte, hat gute Chancen, der nächste Verwandte der Wale zu sein. In einem Artikel in der aktuellen „Nature“ knüpfen US-amerikanische und indische Wissenschaftler um den Walexperten Hans Thewissen vom North Eastern Ohio Universities College of Medicine die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen dem verhuschten Dschungelbewohner und den gewaltigen Herrschern der modernen Meere.

„Vor 15 Jahren wurden fossile Wale gefunden, die klare Übergangsformen darstellen und sowohl an Land als auch im Wasser leben konnten“, erklärt Hans Thewissen, Anatomieprofessor an der gemeinsamen medizinischen Fakultät der Universitäten von Ohio in Rootstown, „alle diese Tiere sahen aus wie Otter oder Krokodile und alle wurden in Indien oder Pakistan gefunden.“ Der Fundort und das Alter dieser Fossilien von etwa 50 Millionen Jahren waren der Anstoß, über die bisherige Version der Walverwandtschaften nachzudenken. Denn bis dato galten Flusspferde als nächste Verwandte, was angesichts ihrer Lebensweise und Körperform nicht fern lag. Auch genetische Studien zeigten eine enge Verwandtschaft zwischen Flusspferden und Walen. „Wir Paläontologen konnten das allerdings nie bestätigen“, so Thewissen, denn Flusspferde tauchen erst vor 15 Millionen Jahren in Afrika auf, das erste asiatische ist gar erst sechs Millionen Jahre alt. „Es gibt da also eine große Lücke“, so der Paläontologe, der glaubt, dass das von ihm jetzt analysierte Fossil viel besser passt.

Thewissen, klein

Hans Thewissen und Lisa Cooper begutachten den Schädel von Indohyus. Foto: NEOUCOM

Das rund 50 Millionen Jahre alte Fossil der Indohyus genannten Art wurde vor mehr als 20 Jahren in alten Flusssedimenten in Kaschmir gefunden. Die Verwandtschaft zu den Walen stützt sich auf anatomische Besonderheiten im Bereich des Innenohrs, die bei allen fossilen und lebenden Walen und eben auch bei Indohyus vorkommen. Das Tier ähnelt den heutigen Hirschferkeln aus Afrika und Asien. Das sind kleine paarhufige Pflanzenfresser, die zumindest für kurze Zeit auch im Wasser untertauchen, um sich dort vor Greifvögeln in Sicherheit zu bringen. Indohyus war in dieser Beziehung schon weiter. Er hatte sehr schwere Knochen, die ihm wohl das Laufen am Boden eines Flusses oder Sees erleichterten. Vergleichbare Knochendichten findet man heutzutage bei Landtieren, die lange Zeit im Wasser verbringen, etwa den Nilpferden. „Wären ihre Knochen leichter, würden sie aufschwimmen“, so Thewissen.

Allerdings entdeckten die Forscher bei Isotopenanalysen der Zähne, dass sich Indohyus offenbar von Wasserpflanzen ernährte oder Allesfresser war. Das steht in Kontrast zu den bisher bekannten ganz frühen Walarten, die alle Fisch- und Fleischfresser waren. „Wie sich die Ernährung während der Evolution verändert hat, das werde ich als nächstes untersuchen“, nimmt sich daher Hans Thewissen vor. Aber immerhin hat Indohyus bereits viel Zeit im Wasser verbracht und für den Paläontologen aus dem Nordosten der USA ist klar, warum: Die kleinen Tiere nutzten genau wie das heutige Afrikanische Hirschferkel das Wasser als Rückzugsraum bei der Flucht vor Greifvögeln. „Das Hirschferkel ist aber noch ein klares Landlebewesen, während Indohyus schon sehr viel weiter war“, so Thewissen. Bei den Walvorfahren, die allerdings wohl lange vor Indohyus lebten, könnte es sich ähnlich abgespielt haben: Auf ihrer permanenten Flucht vor Räubern landeten sie irgendwann einmal dauerhaft im Wasser und entwickelten sich da in die Richtung der Giganten von heute. Ein viel größeres Problem als der Sprung ins Wasser dürfte allerdings der Wechsel vom Süß- ins Salzwasser gewesen sein. Dazu brauchten die Tiere erst einmal leistungsfähigere Nieren.

Verweise
Bild(er)