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Unscheinbarer Helfer der Wissenschaft

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 11.01.2008 12:34

Die Diskussion um die Bedeutung des Treibhausgases CO2 ist keineswegs beendet, immer wieder melden Skeptiker Zweifel an und verweisen dabei auf widersprüchliche Befunde aus der Erdgeschichte. Einer der wichtigsten stammt aus dem späten Jura, als extrem hohe CO2-Werte einhergingen mit vergleichsweise moderaten Temperaturen und gelegentlichen Eiszeiten. Doch der vermeintliche Widerspruch könnte einfach in einer fehlerhaften Meßmethode liegen. Britische und amerikanische Forscher haben in „Nature Geoscience“ neue Befunde präsentiert, deren CO2-Werte mit den Indizien für kühlere Temperaturen und Eiszeiten zusammenpassen.

Die Klimaprognose hat allen ausgefeilten Meßnetzen und Computermodellen zum Trotz eine große Schwachstelle: Unsere Informationsdecke über das Erdklima ist relativ dünn. Umfassende Datenreihen über viele Kenngrößen gibt es erst seit wenigen Jahren. Lückenlose Aufzeichnungen kennt die Menschheit seit etwa 200 Jahren. Die Klimaarchive aus den Eispanzern von Grönland und der Antarktis, die wenigsten jährliche Informationen über den Zustand unserer Lufthülle liefern, reichen maximal eine Million Jahre zurück. Je weiter man in die Vergangenheit zurückgeht, desto stärker ist man auf indirekte Anzeiger, so genannte Proxies, angewiesen. Und bei denen können sich manchmal widersprüchliche Ergebnisse zeigen.

Ein prominentes Beispiel: Der Übergang vom Jura zur Kreidezeit vor 150 bis 160 Millionen Jahren. „Wir versuchen seit 10, 20 Jahren unter anderem mit fossilen Böden weiterzukommen. Die aber scheinen anzuzeigen, dass der Kohlendioxidgehalt in der Atmosphäre damals extrem hoch gewesen sein muss“, erklärt Benjamin Fletcher, Biologe an der Universität von Sheffield. Sechs, sieben, bis zu zehn Mal höher als heute – so legt es die chemische Zusammensetzung der uralten Böden nahe – sind die CO2-Gehalte damals gewesen und entsprechend hoch müssten eigentlich auch die Temperaturen geschnellt sein. Doch im geologischen Befund findet man Hinweise auf Eiszeiten. Diesen Widerspruch haben Klimaskeptiker gern zum Anlaß genommen, an der Bedeutung von Kohlendioxid für den Temperaturhaushalt der Erdatmosphäre zu zweifeln. „Es gab eine riesige Debatte darüber“, erklärt Klaus Wallmann, Geologe am Meeresforschungsinstitut IfM-Geomar in Kiel.

Diese Debatte dürfte jetzt beendet sein, denn Benjamin Fletcher und Kollegen der Universitäten Sheffield und Yale haben sich einen neuen Klimaindikator vorgenommen, der ein stimmigeres Bild als die fossilen Böden liefert. Es handelt sich um die unscheinbaren Lebermoose, die sich überall dort, wo es feucht ist, ansiedeln. Fletcher: „Unsere Laborexperimente hatten gezeigt, dass die urtümlichen Lebermoose so einfach funktionierende Pflanzen sind, dass sie den CO2-Gehalt genau widerspiegeln, wenn sie durch die Photosynthese ihre Biomasse aufbauen.“ Die Forscher haben jetzt anhand bei fossilen Lebermoosen den CO2-Gehalt ihrer damaligen Umgebungsluft bestimmt, und siehe da, „offensichtlich sind“, so Klaus Wallmann, „die CO2-Werte im späten Jura viel niedriger als wir geglaubt haben und passen jetzt vie besser zu den anderen, unabhängigen Beobachtungen“. Statt bis zu zehn Mal mehr gab es in der damaligen Luft nur etwa drei bis vier Mal mehr Kohlendioxid. Mit diesen Kohlendioxidwerten lassen sich auch wieder die relativ gemäßigten Temperaturen des Jura mitsamt den gelegentlichen Eiszeiten vereinbaren.

Ganz ausgestanden ist der Streit um das späte Jura allerdings noch nicht, denn die Methode ist noch so neu, dass sie erst die Feuertaufe der Fachkritik überstehen muss. „Jetzt muss man die Untersuchungen der nächsten Jahre abwarten“, so Klaus Wallmann, „ob dieses Archiv tatsächlich zuverlässig oder ob das leider vielleicht auch nur erst einmal gut aussieht und hinterher wieder in Frage gestellt wird.“ Am besten macht man dieses Eichen mit Perioden, bei denen der Kohlendioxidgehalt der Luft gut bekannt ist, also relativ kurz zurückliegenden Erdzeitaltern. „So weit ich weiß, gibt es da erste Daten, die sehen ganz gut aus“, mein Klaus Wallmann, „aber das Ganze ist noch nicht so abgesichert, dass man sagen kann, jetzt haben wir es, jetzt haben wir alle Probleme gelöst.“