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Unterschätztes Risiko

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 17.01.2012 12:32

Der größte Auffahrunfall der Erde findet in Südostasien statt. Seit rund 70 Millionen Jahren rammt sich dort der indische Subkontinent mit schier unvorstellbarer Energie in die eurasische Kontinentalplatte. Dabei wird der Himalaja aufgetürmt, das derzeit größte Gebirge des Planeten. Doch damit ist die Kollisionsenergie nicht abgebaut, das geschieht in Erdbeben, die den gesamten rund 3000 Kilometer langen Gebirgsgürtel entlang auftreten können. Möglicherweise ist das Bebenrisiko im südwestlichen Himalaya bislang drastisch unterschätzt worden. Auf der Herbsttagung der Amerikanischen Geophysikalischen Union in San Francisco trat ein Geophysiker mit entsprechenden Warnungen an die Öffentlichkeit.

Störungsverlauf im indisch-pakistanischen Nordwesten (Bild: Nasa, Earth Observatory)."Die meisten Leute untersuchen die Erdbeben im Zentralhimalaja, südlich von Tibet, aber über das Geschehen am westlichen Rand des Gebirges wissen wir nicht viel", erklärt Roger Bilham, Geophysik-Professor an der Universität von Colorado in Boulder. Im Zentrum steht das Hochtal von Kaschmir, das direkt an der Kollisionszone der Erdplatten liegt. Derzeitige Schätzungen besagen, dass dort Erdbeben mit einer Magnitude von maximal 8,4 möglich sind. Das ist nicht wenig, zumal sich unmittelbar südlich die Gangesebene anschließt mit einer ganzen Reihe von Millionenstädten, geballter Industrie und etlichen Atomkraftwerken. Doch selbst diese Schätzungen könnten dramatisch untertrieben sein. Bilham hat auf der Jahrestagung der Amerikanischen Geophysikalischen Union in San Francisco alarmierende Informationen über das Erdbebenrisiko in der Kaschmirregion vorgelegt. "Die möglichen Erdbeben können viel, viel stärker ausfallen", so Bilhams Warnung. Damit meint der in den USA forschende Brite Magnituden von bis zu 9,0. Weil die Magnitudenskala logarithmisch ist, bedeutet das eine rund achtfach höhere Energiefreisetzung als bei der bisherigen Schätzung. 

Die Erkenntnisse des Geophysikers beruhen auf hochpräzisen Bewegungsinformationen lokaler GPS-Stationen. Sie liefern ein Abbild der Krustenbewegungen vor Ort, sind allerdings erst seit rund einem Jahrzehnt verfügbar. "Wir wissen nun, dass sich der ganze tektonische Stress in einer nördlich an das Kaschmirtal anschließenden Bergkette aufbaut", so Bilham. Die Erdbeben, die sich in den vergangenen Jahren in Nachbarregionen ereigneten und die eine Stärke von 7,6 und 7,8 hatten, haben diesen Stress nicht verringert.  Die GPS-Daten zeigen, dass die potentielle Bruchzone nicht - wie angenommen - 300 Kilometer lang und 80 Kilometer breit ist, sondern 300 Kilometer lang und 200 Kilometer breit. Deshalb kommt Bilham zu seiner verschärften Risikoeinschätzung.

Die Beben der Kaschmirregion in den jüngsten 500 Jahren (Bild: CIRES, Uni Colorado).Das jüngste Megabeben ereignete sich 1555 und zerstörte unter anderem Klöster bis hinein nach Tibet. "Es hatte vermutlich eine Magnitude von 9,0 und paläoseismische Untersuchungen ergaben einen Versatz von 20 Metern", erklärte Bilham in San Francisco. Gut 600 Jahre zuvor ereignete sich offenbar ein ähnlich großes Beben, auch wenn das nur schlecht dokumentiert ist. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt sei genug Energie aufgestaut, so Bilham, um ein Magnitude-8,0-Beben auszulösen. Für ein 9.0-Beben müssten dagegen noch ein paar Jahrhunderte vergehen. Tatsächlich beruhen Bilhams Abschätzungen im Wesentlichen auf den GPS-Informationen, gründliche seismologische Untersuchungen sind in der indisch-pakistanischen Grenzregion nicht möglich. Denn Kaschmir ist nicht nur geophysikalischer Brennpunkt. Seit der Unabhängigkeit von Großbritannien 1947 haben sich Indien und Pakistan bereits vier Kriege um das Hochtal geliefert. Nicht zuletzt die schwierige politische Lage macht Forschung dort zum Problem. Daher ist die Grundlage für Bilhams Aussagen etwas dünn, was der Geologe auch selbst zugibt.

Dennoch ist Roger Bilham vom Sinn seiner Warnungen überzeugt. "Die Seismologen haben es in den vergangenen Jahren grundlegend falsch gemacht", kritisiert er, "wir haben immer konservative, also vorsichtige Einschätzungen gegeben. Das Tohoku-Beben sollte eine maximale Magnitude von 8 haben, es hatte 9. Das Sumatra-Beben sollte 7,8 haben, es wurde eine 9,3 daraus. Jetzt gibt es einen neuen Grad von Realismus in den Einschätzungen." Dass man sehr aufmerksam mit solchen Warnungen umgehen muss, zeigte sich zu Beginn dieses Jahres: Am 4. Januar gab es in der Region ein mittelschweres Erdbeben mit der Magnitude 4.0. Nach Zeitungsberichten löste der Erdstoß bei den Bewohnern im Süden Kaschmirs unverhältnismäßige Panik aus, was von den örtlichen Behörden auf Bilhams Warnungen zurückgeführt wurde.