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Ursprung der Gemeinschaft

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 02.12.2011 13:36

Primaten, also Halbaffen und Affen, sind zum allergrößten Teil gesellige Tiere: Nur wenige suchen ausschließlich zur Paarung Gesellschaft, die meisten leben in mehr oder weniger großen Gruppen oder zumindest in dauerhafter Partnerschaft. Eine neue Studie in "Nature" hat jetzt nachgezeichnet, wie sich dieser Hang zur Gemeinschaft entwickelt hat - mit durchaus überraschenden Ergebnissen.

Makaken haben ein ausgeprägtes Gruppenverhalten (© Nature/ Roy Fontaine).Schrittweise sollen die Primaten ihr heutzutage in der Regel sehr komplexes Sozialverhalten erworben haben, über Paare zu kleinere Gruppen und dann zu großen Verbänden gelangt sein, und all dies soll sich vor allem wegen der Lebensweise entwickelt haben. Das sagen zumindest die vorherrschenden sozioökologischen Modelle, mit denen man die Entstehung von so etwas komplexem wie Sozialverhalten und Gemeinschaft erklärt. "Wir aber glauben, dass die Primaten abrupt vom Leben als Einzelgänger zu größeren, nicht höher strukturierten Gruppen übergegangen sind, zu 'einfachen' Herden also", erklärt Susanne Shultz vom Institut für kognitive und evolutionäre Anthropologie der Universität Oxford. Erst aus diesen großen Gruppen seien dann festere Strukturen wie Paare, Haremsgruppen oder Familien entstanden. Eine Entwicklung zurück hinter eine einmal erreichte Stufe der sozialen Organisation sei dabei in den insgesamt 52 Millionen Jahren Primatenentwicklung, die die Arbeitsgruppe erforschte, nicht festzustellen gewesen.

Dschelada-Paviane (© Nature/Peter Fashing)."Eine solche Erkenntnis bringt die etablierten sozioökologischen Modelle in Schwierigkeiten", schreibt die kalifornische Anthropologin Joan B. Silk, Professorin an der Universität von Kalifornien in Los Angeles in ihrem Kommentar in "Nature". Die sehen eine solche evolutionär vererbte Komponente nämlich nicht vor, stattdessen soll die Nahrungssituation die soziale Organisation bestimmen. Diesen Einfluß gibt es bei dem Shultz-Modell durchaus auch, aber er wird eben ergänzt durch eine offensichtlich existierende Vererbungskomponente. So geht die Entscheidung für ein Gruppenleben am Beginn der für uns fassbaren Primatenevolution im Eozän offensichtlich einher mit einem anderen wesentlichen Verhaltenswechsel: Die zuvor nächtlich auf Bäumen nach Obst und Insekten suchenden Urprimaten verlegten sich auf die Nahrungssuche am Tage. Ohne den Schutz der Dunkelheit mussten sich die kleinen Tiere allerdings nach anderen Sicherungsmethoden umsehen. Und die sollen sie im Gruppenverhalten gefunden haben. 

Das Modell der Biologin hat allerdings eine Schwäche: Es basiert ausschließlich auf statistischen Grundlagen, "denn", so Shultz, "soziales Verhalten überliefert sich nicht in Fossilien." Sie und ihre beiden Co-Autoren hatten zunächst in einer Literaturrecherche das Verhalten von 217 Primaten-Arten analysiert. Schon da sei aufgefallen, dass nahe verwandte Arten ihre Gemeinschaften immer sehr ähnlich organisieren, egal in welcher Umwelt sie leben. "Wir haben uns also bei lebenden Primaten die Verteilung des Sozialverhaltens angeschaut", erklärt sie, "und dann haben wir uns überlegt, wie unser jüngster gemeinsamer Vorfahr wohl am wahrscheinlichsten gelebt hat." Später tauchten dann andere Formen des sozialen Zusammenlebens auf: Harems zum Beispiel erscheinen in der Entwicklungslinie der Stummelaffen und entstanden wahrscheinlich vor 16 Millionen Jahren. In der Linie der Gibbons gibt es Paarbeziehungen seit 8,6 Millionen Jahren, bei den Springaffen seit 4,5 Millionen Jahren. 

Orang-UtanBis auf eine Ausnahme sind alle Primatenarten nach den Analysen der britischen Anthropologen auf ein Sozialverhalten festgelegt, und diese Ausnahme ist der Mensch. Shultz: "Während die Altweltaffen wie die Paviane, Gibbons oder auch die Menschenaffen ihre Lebensweise unabhängig von der Umwelt beibehalten, haben Menschen je nach Umwelt unterschiedliche Lebensstile - also unterschiedliche Sozialverhalten - entwickelt."

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