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Ein Vater der Geologie

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 10.02.2015 12:12

Ein Landvermesser ohne akademische Bildung - dafür aber mit dem scharfen Blick für die Unterschiede zwischen Gesteinsschichten - brachte 1815 die erste geologische Karte eines ganzen Landes heraus. William Smith aus einem kleinen Dorf bei Oxford wurde so zu einem der Väter der Geologie. Die von ihm angewandten Prinzipien sind noch heute gültig.

William Smith (1769 - 1839) wird als einer der Väter der Geologie angesehen. (Bild: Wikimedia)"Die praktische Geologie basiert überall auf Prinzipien, die er als erster angewandt hat, ich würde ihn daher als Vater der Rohstoffprospektion ansehen", würdigt der Wissenschaftshistoriker Hugh Torrens von der Keele University in Nordengland den englischen Landvermesser William Smith. Der Sohn eines Hufschmieds brachte 1815 die erste geologische Karte eines ganzen Landes heraus, wurde jedoch bis kurz vor seinem Tod von den Mitgliedern der Geologischen Gesellschaft in London ignoriert. Die Karte deckte ganz England und Wales sowie den Süden Schottlands ab und verzeichnete die Gesteinsformationen dieses fast 180.000 Quadratkilometer großen Gebietes. Zum ersten Mal wurden zusammengehörende Gesteinsschichten gleich gekennzeichnet, auch wenn sie geographisch nicht zusammenhingen. Für 20 englische Grafschaften zeichnete Smith zudem noch detailliertere Karten nach denselben Prinzipien. Die Karte von 1815 ist das Ergebnis von rund 30 Jahren Vermessungsarbeit in ganz England. Seine ersten Erfahrungen sammelte er als 20-jähriger Gehilfe eines Landvermessers ab 1789, als er in öffentlichem Auftrag den fruchtbaren Südwesten England für eine Flurbereinigung kartierte. "Damals war man bestrebt, die Agrarproduktion so hoch wie möglich zu treiben", so Hugh Torrens, "Großbritannien war eine Insel und bestrebt, so unabhängig wie möglich von Importen zu werden." Außerdem arbeitete er auch unter Tage in einer Kohlegrube als Landvermesser. So erhielt er einen dreidimensionalen Eindruck von der Landschaft, erkannte, dass die Abfolge der Gesteine keineswegs willkürlich ist. Später fand er Beschäftigung im Kanalbau, denn Lastkähne waren zum Ende des 18. Jahrhunderts die einzigen Transportmittel, die den frisch entdeckten Energieträger Kohle aus den ländlichen Kohleminen in die Zentren der frühen Industrialisierung bringen konnten.

Die erste geologische Karte eines Landes von 1815. (Bild: Wikimedia)Dabei entdeckte Smith, dass, wann immer einer der grünen Hügel Englands für einen Kanal durchstoßen werden mußte, der Untergrund in der gleichen Weise geschichtet war wie beim Nachbarhügel. Und wie im Bergwerk wiesen auch hier die Schichten charakteristische Merkmale auf, etwa bestimmte Fossilien oder mehr oder weniger feine Bestandteile. "Er erkannte, dass die Schichten geordnet waren, dass sie in einer immer wieder erkennbaren Reihenfolge auftraten", so Torrens, "ich würde das mit unserem Alphabet vergleichen, mit dem wir Indizes oder Stichwortverzeichnisse anlegen. Smith indizierte für meine Begriffe die Gesteinsfolge der britischen Hauptinsel." Wirklich gefragt bei seinen Zeitgenossen wurde der Vermessungsingenieur aber vor allem durch den praktischen Nutzen, den er aus seinen Arbeiten in England und Wales zog: Im Königreich hatte die Industrielle Revolution inzwischen mit Macht eingesetzt, die Produktionsanlagen benötigten immer größere Mengen von Kohle und die Grundeigentümer ließen auf ihren Ländereien mit großem Aufwand nach dem begehrten Rohstoff graben. "Dabei verschwendeten sie enorm viel Geld, weil alle Leute dachten, dass jeder schwarze Ton auch Kohle enthalten müsse", so Hugh Torrens, "Smith machte dem ein Ende, weil er Kriterien für die Unterscheidung kohlehaltiger von kohlefreien Schichten entwickelte." Seine Expertise war schnell im ganzen Land gefragt, wirkliche Anerkennung durch die frisch gegründete Geologische Gesellschaft in London blieb dem gelernten Vermesser ohne jede höhere akademische Bildung jedoch auch da verwehrt. Und so war es dem Unternehmergeist des Kartographen John Cary vorbehalten, William Smiths Karte zu veröffentlichen. 1815 druckte er sie auf eigenes finanzielles Risiko. Smith kolorierte darin zusammengehörende Schichten in gleichen Farben und deutete deren räumliche Orientierung durch den Farbverlauf an. Die Mitglieder der Geologischen Gesellschaft in London ignorierten seine Karte. Man versuchte sich sogar an einer eigenen. Aber erst als man die von William Smith aufgestellten Prinzipien anwandte und seine Arbeit plagiierte, gelang das Unternehmen. Dafür verkaufte die Gesellschaft ihre Karte billiger als die von William Smith. Der ging pleite und landete im Schuldturm.

Erst spät änderte der elitäre Club seine Einstellung zu dem Landvermesser mit nur einfacher Schulbildung. 1831, acht Jahre vor seinem Tod, verlieh ihm die Gesellschaft als erstem Preisträger die Wollaston-Medaille, eine Auszeichnung für besondere Leistungen im Bereich der Geologie. William Smith Grundeinsichten in den geschichteten Aufbau des Untergrundes liegen auch heute noch jeder geologischen Karte, ob gedruckt oder elektronisch zugrunde.