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Verbreiteter Erfindergeist

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 16.10.2014 13:16

Für die Entwicklung der Menschheit spielt Afrika eine zentrale Rolle, denn von diesem Kontinent sind die wichtigsten Impulse ausgegangen. Die ersten wirklichen Mitglieder der Gattung Homo erschlossen von hier aus die angrenzenden Kontinente, ebenso wie die Vorfahren von uns heutigen Menschen. Allerdings verbreitete sich nicht jede Innovation von der "Wiege der Menschheit" aus in alle Welt. Das legen altsteinzeitliche Funde aus Armenien nahe, die in "Science" vorgestellt werden.

Faustkeile (A) und Levallois-Werkzeuge (B). (Bild: Uni Connecticut/D. Adler)Ein wesentlicher Technologiewechsel markiert den Übergang vom Alt- zum Mittelpaläolithikum vor rund 300.000 Jahren. Neben aufwendig behauenen Faustkeilen tauchen leichtere und schlankere Werkzeuge auf, die gezielt von einem größeren Stein abgespalten wurden. Für viele Paläoanthropologen stellt diese Levallois-Technik einen wesentlichen Fortschritt dar: Die neue Technologie verlangte zwar bessere Vorbereitung, produzierte dann aber mehr und besser transportierbare Werkzeuge. Funde aus der armenischen Fundstätte Nor Gegi in der Nähe der Hauptstadt Eriwan zeigen jetzt, dass der Entwicklungssprung vom Faustkeil zu den Levallois-Werkzeugen offenbar an mehreren Stellen gelang. "Wir fanden alte wie neue Technologie in der Fundstätte", berichtet Grabungsleiter Daniel Adler, Anthropologe an der Universität von Connecticut in Storrs, "und das zeigt uns, dass die Leute, die vor mehr als 325.000 Jahren an dieser Stelle lebten, innovativ waren."

Die ältesten Faustkeile der Menschheit werden auf rund 1,75 Millionen Jahre datiert und stammen aus Afrika, im Mittelmeerraum findet man 900.000 Jahre alte Stücke, nördlich der Alpen sind die ältesten 600.000 Jahre alt. Seit dem Homo erectus setzten die Menschen folglich diese Werkzeuge ein, sie sind die prägende Technologie dieser Acheuléen genannten Periode. Die jüngere Levallois-Technik setzt sich dagegen vor 300.000 Jahren durch, sie ist die wesentliche Technologie des Neandertalerzeitalters Mousterién, die in Europa bis zum Verschwinden der Eiszeitmenschen vor etwa 30.000 Jahren nachgewiesen wurde. Das Alter der Funde konnten die Forscher relativ leicht eingrenzen, liegen die Schichten mit den Werkzeugen doch zwischen zwei Vulkanaschelagen, die sich gut datieren lassen.

Prof. Daniel Adler mit  einem Steinwerkzeug. (Bild:  Uni Connecticut/Peter Morenus)Das Alter von mindestens 325.000 Jahren stellt eine einflussreiche These der Anthropologie in Frage. Die geht davon aus, dass diese sogenannte Levallois-Technik in Afrika erfunden und dann mit einem Auswanderungszug auf die anderen Kontinente gelangte. Ob sie sich dort als reiner Technologietransfer ausbreitete oder sogar eine Verdrängung der bereits ansässigen Bevölkerung signalisiert, wurde zwar diskutiert, lässt sich aber mangels Belegen nicht entscheiden. "Unsere Funde hinterfragen jetzt die ganze Theorie", erklärt Simon Blockley von der Abteilung Geographie am Royal Holloway College der Universität London, "dank unserer exakten Datierung haben wir jetzt den ersten klaren Nachweis, dass diese wichtige Technologie unabhängig in verschiedenen Menschenpopulationen entwickelt wurde."

Mit den armenischen Funden sieht es so aus, als ob die neue Technologie eine Weiterentwicklung der älteren Faustkeiltechnik ist, die an vielen Stellen im Lebensraum der Altsteinzeitmenschen gelang. "Die Levallois-Technik ist das Ergebnis einer graduellen Synthese von Bearbeitungstechniken, die alle Menschen in Afrika und Eurasien beherrschten", schreiben Adler und seine Kollegen in "Science". Offenbar wechselten die Bewohner von Nor Gegi zwischen Faustkeil- und Levallois-Technik, denn beide Werkzeugarten fanden sich in denselben Schichten. "Archäologen würde die Werkzeuge sofort Bevölkerungsgruppen zuordnen, die zu unterschiedlichen Zeiten lebten", so Adler, "aber tatsächlich spiegeln sie die technologische Flexibilität und Variationsbreite einer einzigen Gruppe wider."