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Verkürzte Wartezeit

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 06.04.2010 15:58

Kalifornien ist Erdbebenland, denn entlang der amerikanischen Westküste reiben sich Kontinental- und Ozeanplatten aneinander. Die San-Andreas-Störung ist die wohl bekannteste, doch beileibe nicht die einzige. Das 7,2-Beben, das am Ostersonntag den mexikanischen Bundesstaat Baja California erschütterte, entstand in einem komplexen Gefüge unterschiedlicher Störungen südlich der San-Andreas-Verwerfung. Es war nicht "the big one", auf das Südkalifornien seit Jahren wartet, doch das wird unweigerlich kommen. Der Ballungsraum Los Angeles-San Diego ist jüngsten Untersuchungen der Störung zufolge gefährdeter als bislang gedacht.

San-Andreas-Verwerfung in der CarrizoEine baumlose Graslandschaft, eingeklemmt zwischen den Temblor-Bergen im Osten und der Sierra Madre im Westen, das ist die Carrizo Ebene rund 200 Kilometer nördlich von Los Angeles. Wenn es geregnet hat, stürzt das Wasser in Massen von den Bergen herab und bahnt sich in teils tief eingeschnittenen Rinnen den Weg durch die Ebene, die dann voller Blumen steht. Für den Rest des Jahres ist sie eine trockene Grassteppe, die in der Sommersonne braun vergilbt. "Man hat hier einmal versucht zu siedeln, die Versuche sind aber schnell wieder abgebrochen worden", erzählt Olaf Zielke, Geologe an der Arizona State University in Tempe. Geblieben sind eine Handvoll Ranches.

San-Andreas-Verwerfung"Carrizo ist noch weitgehend unberührt, ein wundervoller Ort, weil es so eine weite und offene Landschaft ist", meint Lisa Grant, Geologin an der Universität von Kalifornien in Irvine. Seit über 20 Jahren fährt die Professorin regelmäßig in die Carrizo Ebene. Zufällig kommt man dort nicht hin, denn die Highways des sonst so gut erschlossenen Landes führen in weiter Entfernung vorbei, die Ebene selbst wird nur durch ein paar unbefestigte Feldwege erschlossen. Grant lebt in Orange County, einem der wohlhabenden und dicht besiedelten Landkreise, die die endlose Stadtlandschaft von Los Angeles bilden. "In der Carrizo ist es wie im alten Westen, wie in Kalifornien zu Zeiten des Goldrauschs", schwärmt sie in ihrem nüchternen Büro auf dem Universitätscampus, an dem vorbei der Straßenverkehr auf  einer der vielspurigen Hauptverkehrsadern rauscht, die Los Angeles mit San Diego verbinden. 

 

Phelan Creek in der CarrizoDie 5-Stunden-Fahrt nach Norden unternimmt Lisa Grant trotzdem nicht aus nostalgischen Gründen. "Carrizo ist ein phantastischer Ort, um die San-Andreas-Verwerfung zu studieren, denn sie ist in einem ziemlich ursprünglichen Zustand, was für Kalifornien relativ ungewöhnlich ist." Nahezu schnurgerade durchzieht die Störung die Ebene von Nordwesten nach Südosten. Vor allem aus der Luft kann man sehen, wo sich nordamerikanische Kontinental- und pazifische Ozeanplatte aneinander reiben. Für den Golden-State ist die Störung die größte Bedrohung, denn an ihr entstehen starke Beben, die die größten Ballungsräume der USA mit vielen Millionen Einwohnern direkt treffen werden. "Die Störungsstruktur ist dort so einfach, dass man auch verstehen kann, was man sieht", pflichtet Olaf Zielke der Kalifornierin bei. Deshalb ist die Carrizo-Ebene eine der Stellen, an denen die Geowissenschaften grundlegende Erkenntnisse über die Wiederkehrwahrscheinlichkeit von Erdbeben an Plattengrenzen gewinnen konnte.
Doch es könnte sein, dass die darauf aufgebauten Erdbebenmodelle bald grundlegend überholt werden müssen. Die Arbeitsgruppe der Universitäten aus Irvine und Tempe, die Grant zusammen mit ihrem Kollegen Ramon Arrowsmith aus Tempe leitet, hat sich die Erdbebenhistorie der Carrizo-Ebene genauer angeschaut. Und die sieht bei genauer Betrachtung anders aus als bislang angenommen. "Wir entdeckten, dass sich von der Mitte des 13. Jahrhunderts bis 1857 insgesamt sieben Erdbeben ereignet haben", berichtet Lisa Grant. Rein rechnerisch ergäbe das ein Erdbeben alle 80 Jahre. Das ist beträchtlich weniger als die rund 300 Jahre, die bisherige Modelle für das Carrizo-Segment der San-Andreas-Verwerfung errechnet haben.

Wallace Creek per LidarNoch beunruhigender für Grant aber ist, dass sich die Störung möglicherweise weniger berechenbar verhält als angenommen. "Es könnte sein, dass sich in der Vergangenheit Erdbeben in Serien ereignet haben, zwischen denen wieder längere Ruhepausen lagen", so die Geologin, "und dass die Ruhepause seit dem jüngsten Beben eine dieser längeren Perioden ist." Solche unregelmäßigen Phasen spiegeln sich aber in den derzeitigen Modellen nicht wider, der Erdbebenprognostik für Kalifornien wäre die Grundlage entzogen. Olaf Zielke will soweit noch nicht gehen: "Das ist noch in der Diskussion. Ich persönlich favorisiere immer noch die charakteristischen Beben, mit kleineren Beben, die aber nicht substantiell zum Verhalten der Störung beitragen." Die Arbeitsgruppe ist gerade dabei, die genaue Chronologie der Erdbeben seit dem 13. Jahrhundert aufzustellen, ähnliches müsste auch an einigen anderen Stellen der Störung gemacht werden, bevor man definitive Aussagen machen kann. "Es wird einfach nötig sein, dass man das noch einmal untermauert, gerade weil die Implikationen groß sind", schätzt Zielke. Denn dass sich das Erdbebenrisiko im südlichen Kalifornien erhöht hat, glaubt auch er.

Wallace CreekBeim jüngsten Großbeben, dem mit einer Magnitude von 7,8 geschätzten Fort-Tejon-Beben von 1857, hat sich die Erde in der Carrizo offenbar nur um rund fünf Meter versetzt. Die andere Hälfte des bisher angenommenen Versatzes von zehn Metern geht nach den Ergebnissen der Arbeitsgruppe auf das Konto eines früheren Bebens. Wendet man die Methoden der aktuellen Bebenrisiko-Modelle auf den nurmehr halb so großen Versatz an, ergibt sich ein düsteres Bild: Seit 1857 hat sich im Untergrund unter der Carrizo-Ebene wieder das Potenzial für einen Versatz von rund fünf Metern aufgebaut, "so dass man vermuten kann", so Olaf Zielke, der der Arbeitsgruppe ebenfalls angehört, "dass dort bald wieder ein größeres Beben passieren könnte". Nun bedeuten Potenzial und Risiko noch nicht, dass sich das Beben auch tatsächlich ereignen muss, aber "für Kalifornien bedeutet das ein Muster von häufigeren Erdbeben", so Grant, "und das beunruhigt mich als Einwohnerin, deren Kollegen, Familie und Freunde von einem starken Erdbeben betroffen sein werden".

Carrizo LuftaufnahmeDer Süden des Staates müsse sich dringend, so Lisa Grants Forderung, auf häufigere Beben einstellen, auch wenn die jeweils vielleicht schwächer ausfallen werden als prognostiziert. "Kalifornien ist Erdbebenland, wir können die Beben nicht aufhalten", betont die Geologin, "aber wir können den Schaden begrenzen." Das wäre dringend nötig: Schätzungen des kalifornischen Katastrophenschutzes gehen davon aus, dass ein Ereignis von der Stärke des Fort-Tejon-Bebens heute Schäden in Höhe von 200 Milliarden Dollar anrichten könnte. Erdbebenfeste Gebäude und Infrastruktur gehören daher zu den dringlichsten Maßnahmen, aber auch Information und Vorbereitung der Menschen. Die Bauvorschriften in Kalifornien gehören bereits zu den strengsten der Welt, doch bei den älteren Gebäuden gibt es noch gehörigen Nachholbedarf. Nicht alle Kommunen, in deren Bereich die Bauaufsicht fällt, haben dafür gesorgt, dass auch bereits bestehende Bauten für starke Beben gewappnet sind. Kalifornien hat überdies erst vor einigen Jahren mit Katastrophenschutzübungen begonnen, zunächst nur auf regionaler Ebene, 2008 lief dann die erste Erdbebenschutzübung für den gesamten Staat. Die Ergebnisse waren gemischt, die Risikowahrnehmung und die Vorbereitungen für den Ernstfall sind offenbar nicht überall ausreichend. Langsam scheint sich das zu ändern, langsam scheinen die entspannten Kalifornier den, wie Lisa Grant sagt, "Terroristen unter unseren Füßen" ernster zu nehmen. "Ich würde sagen", so Lisa Grant, "hoffen wir das beste und bereiten uns auf das Schlimmste vor."

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