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Völkerwanderungen im steinzeitlichen Europa

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 17.05.2016 15:27

Das eiszeitliche Europa hat eine wesentlich bewegtere Geschichte, als die spärliche archäologische Überlieferung und punktuelle genetische Untersuchungen bislang vermuten ließen. Eine Arbeitsgruppe aus Forschern der Max-Planck-Institute in Jena und Leipzig und der Universität Harvard in den USA hat jetzt aus den Genomen von 51 steinzeitlichen Menschen den Stammbaum der heutigen Europäer rekonstruiert und in „Nature“ vorgestellt. Er ist überraschend verwickelt.

Im Gletschervorfeld lebten am Ende der jüngsten Eiszeit viele Großtierarten. (Bild: Nature/Yukon Government)

Im Gletschervorfeld lebten am Ende der jüngsten Eiszeit viele Großtierarten. (Bild: Nature/Yukon Government)

„Vor dieser Arbeit hatten wir nur einen statischen Blick auf die ersten 30.000 Jahre des modernen Menschen in Europa“, sagt David Reich, Genetiker an der Harvard Medical School. Zwischen der Verdrängung der Neandertaler und einer jungsteinzeitlichen Einwanderungswelle aus dem Nahen Osten, die die Errungenschaften von Ackerbau, Viehzucht und Sesshaftigkeit mit sich brachte, schienen die Menschen vollends damit beschäftigt zu sein, sich den Kontinent zu erschließen und mit dem klimatisch turbulenten Übergang von der jüngsten Kalt- zur gegenwärtigen Warmzeit fertig zu werden. Tatsächlich waren die Zeiten bewegter. Die Forscher konnten anhand der Genome unter anderem eine bislang nicht bekannte Verbindung in den Nahen Osten erkennen, die rund 6000 Jahre vor der berühmten Einwanderung der Jungsteinzeit liegt.

Drei Schädel aus der Fundstätte Dolni-Věstonice. (Bild: Nature/M. Frouz/J. Svoboda)

Drei Schädel aus der Fundstätte Dolni-Věstonice. (Bild: Nature/M. Frouz/J. Svoboda)


Doch das ist nicht alles. So sind offenbar die anatomisch modernen Menschen der ersten Einwanderungswelle spurlos verschwunden. Unter den Proben befanden sich die Genome von drei Menschen dieser ersten Welle. Sie stammen aus dem westsibirischen Ust-Ischim, dem rumänischen Oase und dem südrussischen Woronesch und sind zwischen 45.000 und 37.000 Jahre alt. Diese Menschen sind nicht verwandt mit den heutigen Europäern und auch nicht mit den jüngeren Steinzeitmenschen, die die Forscher in ihrer Studie berücksichtigten. Erst von dieser jüngeren Bevölkerung zieht sich eine allerdings deutlich sichtbare Linie zu den heutigen europäischen Völkern, was nicht bedeutet, dass den Eiszeitmenschen die wiederholten Gletschervorstöße der ausgehenden Weichsel-Kaltzeit nicht dramatisch zugesetzt hätten.

So ist die Bevölkerung offenbar nur knapp der völligen Auslöschung entkommen, als von vor 24.500 bis vor 18.000 Jahren die Temperaturen auf ein besonders niedriges Niveau fielen und die Gletscher sehr weit vorstießen. Die genetischen Untersuchungen geben einen Eindruck davon, wie in den harschen Kaltphasen die Menschenpopulationen im zentralen Europa verschwanden und wie anschließend von den Rändern her neue Gruppen den Kontinent besiedelten. So ziehen sich die engsten Verwandtschaftslinien zweier Eiszeitmenschen aus der Höhle von Goyet in der Nähe von Namur nicht zu den Menschen, die unmittelbar nach ihnen die Gegend bewohnten, sondern zu 15.000 Jahre jüngeren Funden in der Höhle von Mirón, die rund 1000 Kilometer entfernt im nordspanischen Kantabrien liegt.

Unterkiefer der Roten Dame aus der Höhle von El Mirón. (Bild: Nature/L.G. Straus)

Unterkiefer der "Roten Dame aus der Höhle von El Mirón". (Bild: Nature/L.G. Straus)

Die größte Gruppe von Genomen, die nach ihrem frühesten Mitglied aus dem mährischen Věstonice benannt wurde und ebenfalls aus der Zeit vor dem eiszeitlichen Tiefpunkt stammt, ist dagegen nur lose mit den Eiszeitmenschen aus Belgien und aus Kantabrien verwandt. Genome aus dieser Gruppe sind weit über Zentral- und Südeuropa gestreut, sie kommen aus Mähren, Süditalien und der Gegend von Namur, wo diese Population offenbar die „Nachfolge“ der Eiszeitmenschen von Goyet angetreten hatte. Allerdings hat diese Population die extreme Kälteperiode am Ende der Weichsel-Kaltzeit nicht überstanden und starb aus.

In der Übergangsphase von der Weichsel-Kaltzeit zur gegenwärtigen Warmzeit breiten sich Gruppen aus, die wie die Mirón-Menschen von den wärmeren Rändern Europas stammen und nur lose Verwandtschaftsbeziehungen zur Věstonice-Gruppe aufweisen. „Wir vermuten, dass sich die ursprüngliche Bevölkerung Europas in Refugien in Südwesteuropa zurückzog und von dort aus am Ende der kältesten Phase der Eiszeit West- und Mitteleuropa wieder besiedelte", erläutert Johannes Krause vom MPI für Menschheitsgeschichte in Jena.

14.000 Jahre alter Schädel aus Villabruna, Venetien. (Bild: Nature / Universität Ferrara und Ital. Ministerium für Kultur, M. Romandini)

14.000 Jahre alter Schädel aus Villabruna bei Belluno, Venetien. (Bild: Nature / Universität Ferrara und Italienisches Ministerium für Kultur, M. Romandini)

 

Eine dieser Gruppen, die nach dem Fundort Villabruna in der Nähe des norditalienischen Belluno benannt wurde, ist auch diejenige, die die überraschende Verwandtschaftslinie in den Nahen Osten aufweist. Ihr ältester Vertreter aus eben Villabruna ist rund 14.000 Jahre alt und lebte im sogenannten Bølling-Allerød-Interstadial, einer ausgesprochen warmen Zwischenperiode, bevor die Weichsel-Zeit mit ihre letzten kalten Phase, der jüngeren Dryas, ausklang. „Bisher gingen wir davon aus, dass mit der Einführung der Landwirtschaft vor circa 8500 Jahren, als Bauern aus dem Nahen Osten nach Mitteleuropa einwanderten und die Jäger und Sammler verdrängten, eine genetische Durchmischung erfolgte, aber unsere Daten deuten auf eine weitere 6000 Jahre frühere Einwanderung hin“, führt Cosimo Posth vom Jenaer MPI aus. Offenbar, so mutmaßen die Forscher, hat es auch im kleinasiatischen Raum Rückzugsräume gegeben, in denen die Menschen die Kältephasen überstanden, um sich danach wieder nach Europa auszubreiten.