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Vom Neandertaler lernen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 14.08.2013 18:06

Das Panorama der europäischen Steinzeit ändert sich derzeit in geradezu atemberaubendem Tempo. In den Abhandlungen der amerikanischen Akademie der Wissenschaften PNAS stellen zwei Archäologenteams gemeinsam Knochenwerkzeuge vor, die sie Neandertalern aus der Zeit vor dem Kontakt mit modernen Menschen zuschreiben. Die Fundstücke sollen zeigen, dass der Frühmensch, der in Europa spätestens vor 28.000 Jahren von seinen modernen Cousins aus Afrika verdrängt wurde, keinesfalls ein nur sklavisch nachahmender Simpel war.

Die Ausgrabungsstätte von Abri Peyrony. (Bild: PNAS/Abri Peyrony Project)"Dies ist der erste Hinweis darauf, dass es möglicherweise zu einem 'kulturellen' Transfer zwischen Neandertalern und unseren direkten Vorfahren gekommen ist“, sagt die Archäologin Marie Soressi, Assistenzprofessorin an der niederländischen Universität Leiden und Leiterin eines Ausgrabungsprojektes in Pech-de-l'Azé. Dort und im Abri Peyrony in der südwestfranzösischen Dordogne, hatten Soressi und ihre Kollegen Werkzeuge aus Rippenknochen mit künstlich abgerundete Spitzen entdeckt. Die Knochen stammen von einer Hirschart, vermutlich Rothirsch oder Rentier, und sie wurden offenkundig zum Glätten eines weichen Materials benutzt. Die Funde wurden mit verschiedenen Methoden datiert. Im Fall der Höhle von Pech kam man auf ein Alter zwischen 53.400 und 49.400 Jahren, bei den Artefakten aus Abri ergab die Radiokarbonmessung ein Alter zwischen 47.710 und 41.130 Jahren. "Zum jetzigen Zeitpunkt sind die Knochenwerkzeuge die besten Belege dafür, dass die Neandertaler selbst eine Technologie entwickelt hatten, die man bisher ausschließlich mit modernen Menschen in Verbindung brachte“, erklärt Shannon McPherron vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig und Leiter der Ausgrabungen in Abri Peyrony.

Die viee Lissoirs aus Abri Peyrony und Pech-de-l'Azé. (Bild: PNAS/Abri-Peyrony- und Pech-de-l’Azé-I-Projekte)Die Forscher sehen in den Knochen-Artefakten Instrumente, wie sie heutigen Glätthölzern oder Lissoirs entsprechen. Mit ihnen bearbeiten Gerber seit Jahrhunderten Tierhäute, um sie glatt und geschmeidig zu machen. "Dass sich das Werkzeug im Laufe der Zeit kaum verändert hat, zeigt, wie effizient es ist. Es könnte sich dabei um das einzige Erbe aus der Zeit der Neandertaler handeln, das unsere Gesellschaft heute noch nutzt", sagt Soressi. Was die Funde interessant macht, ist ihr Alter, denn selbst die jüngeren Funde aus Abri Peyrony sind wesentlich älter als alle unumstrittenen Spuren moderner Menschen im europäischen Westen. Die Funde aus Pech sind sogar "wesentlich älter als unsere besten Hinweise auf moderne Menschen in ganz Europa", so McPherron gegenüber dem Wissenschaftsmagazin "Science". Zudem kennt man nach Angaben der Forscher von den einwandernden modernen Menschen nur spitze Knochenwerkzeuge bis in eine Zeit, in der sie Kontakt mit den Neandertalern gehabt haben müssen. Danach tauchen urplötzlich abgerundete Knochenwerkzeuge auf.

 

Die Ausgrabungsstätte von Pech-de-l'Azé in der Dordogne. (Bild: PNAS/Pech-de-l'Azé-I-Projekt)Das herkömmliche Bild vom aus Afrika einwandernden modernen Menschen, der den alteingesessenen Neandertaler mit einer Fülle von Innovationen an die Wand drängt, bis dieser schließlich in der Überzahl der Neuankömmlinge verschwindet - dieses Bild hat schon in der Vergangenheit einige Risse bekommen. Doch dass der Kulturtransfer keine Einbahnstraße war, ist eine ganz neue Wendung. Entsprechend vorsichtig ist auch die Reaktion der Fachwelt. Jean-Jacques Hublin, Direktor der Abteilung für Humanevolution am Leipziger Max-Planck-Institut und damit McPherrons Chef, weist gegenüber "Science" darauf hin, dass etliche Paläoanthropologen, er eingeschlossen, davon ausgehen, dass moderne Menschen bereits vor 48.000 Jahren in Zentraleuropa angekommen waren und dass daher die zeitliche Lücke zu den älteren Funden in Pech-de-l'Azé nicht groß genug sei, um moderne Menschen als eigentliche Erfinder der Glättholz-Instrumente auszuschließen.

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