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Von Schafen und Stürmen

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 10.07.2009 16:53

Der Klimawandel lässt Schafe schrumpfen. Das gilt zumindest für die wildlebenden Schafe auf Soay, einem grünen Felsen des St. Kilda-Archipels, 120 Kilometer nördlich der schottischen Atlantikküste. In einer Online-Veröffentlichung von „Nature“ berichten Forscher aus London und Edinburgh, dass die Tiere in 25 Jahren um rund fünf Prozent geschrumpft seien.

SoaySoay ist Schottlands westlichster Punkt, ein grüner Felsen im Atlantik, unbewohnt bis auf eine stetig wachsende Population wilder Schafe. Die fühlen sich auf dem Eiland wohl, doch die Biologen, die sie seit fast 25 Jahren beobachten, stellten fest, dass die Tiere in diesem Zeitraum um durchschnittlich fünf Prozent geschrumpft sind. Das ist kein bedeutender Verlust, aber „nach der klassischen Evolutionstheorie“, so Tim Coulson, Biologieprofessor am Londoner Imperial College, „müssten die Tiere größer werden“.  Denn im harschen Klima des St. Kilda-Archipels sollte vor allem Körpergröße zählen, damit das Tier mit Wind und Wetter zurechtkommt. Rund ums Jahr muss man hier mit niedrigen Temperaturen und Regen rechnen - und vor allem mit viel Wind. Durchschnittlich stürmt es an 75 Tagen im Jahr gewaltig auf den Inseln.

Allerdings scheint sich hier der Klimawandel bereits bemerkbar zu machen, denn insbesondere die Winter werden kürzer. Das ist nach Coulsons Überzeugung für das Schrumpfen der Schafe von Soay verantwortlich. Wegen des besseren Klimas haben auch kleinere Lämmer und der Nachwuchs kleinerer Mutterschafe eine Überlebenschance. „Gras ist länger verfügbar und die Überlebensbedingungen sind besser, so dass auch langsamer wachsende Tiere eine Chance haben, sich ausreichend auf den weiterhin harschen Winter vorzubereiten“, berichtete Coulson.

SchafsporträtKleinere Tiere werden also häufiger in den Schafherden der Insel, aber auch die Zahl der jungen Mütter unter den Schafen nimmt zu. Und diese Tatsache verfälscht den Klimaeinfluss. „Das ist der Jungmütter-Effekt“, so Tim Coulson, „die Schafe können keine Nachkommen werfen, die ein höheres Geburtsgewicht haben als sie selbst.“  Im Durchschnitt wogen die Kinder 150 Gramm weniger als ihre Mütter im gleichen Alter gewogen hatten. Allerdings kalkulieren die Briten, dass dieser Effekt eine Schrumpfung von nicht mehr als ein Prozent auslöst.

Die restlichen vier Prozent müssen also durch einen anderen Faktor bedingt sein. „Die Schafe wuchsen im Verlauf der Studie immer langsamer“, berichten die Forscher in ihrem Artikel. Dies ist offenbar auf zwei Effekte der milderen Winter zurückzuführen: Einerseits überleben mehr Lämmer und erhöhen den Wettbewerb um das Gras des Inselchens, so dass trotz allem nicht mehr soviel Futter pro Tier übrigbleibt wie früher. Andererseits ist es aber auch nicht mehr so wichtig, sich große Fettreserven für lange und harte Winter anzufressen. Alles in allem betonen die Forscher, dass der Einfluss der Umwelt auf die Variation der Körpergröße wesentlich stärker ist als der der Evolution, obSoay-Schafewohl Körpergröße ein vererbtes Merkmal sei.  Allerdings bezweifeln die Forscher, dass die zu erwartende Erderwärmung die Entwicklung von Schafen im Handtaschenformat einleiten wird.

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