Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite Wissen Vorbild für Scrat entdeckt

Vorbild für Scrat entdeckt

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 05.12.2011 11:51

Im Zeichentrickfilm "Ice Age" treibt ein Eichhörnchen mit langen Säbelzähnen sein skurriles Unwesen. Forscher aus den USA und Argentinien haben jetzt ein 100 Millionen Jahre altes Vorbild für diesen "Scrat" entdeckt: In Sedimenten aus der Provinz Rio Negro im argentinischen Patagonien fanden sie eines der wirklich seltenen Säugerfossilien aus der südamerikanischen Kreidezeit. In "Nature" wurde der Fund vorgestellt.

Das neue Säugetier aus Südamerika: Cronopio dentiacutus (© Nature).Südamerikas fossile Überlieferung ist bemerkenswert lückenhaft. Deshalb sind die Paläontologen für weite Abschnitte der jüngeren Erdgeschichte auf Vermutungen und Übertragungen aus beispielsweise dem besser erschlossenen Afrika angewiesen. Dabei ist das eine heikle Sache, denn die beiden Kontinente hingen nur bis vor rund 110 Millionen Jahren als Teile von Gondwana zusammen. Seither war Südamerika - von einer zeitweiligen Landbrücke nach Nordamerika in den letzten zehn Millionen Jahren der Kreidezeit abgesehen - isoliert. Diese Isolation wurde erst vor rund drei Millionen Jahren durch die Landbrücke Mittelamerika aufgehoben. Genug Zeit, eine eigenständige Fauna zu entwickeln gab es also in der Tat, das Beispiel Australien, das seit rund 45 Millionen Jahren isoliert ist, zeigt es.

Die bisherigen Funde vor allem von Dinosauriern zeigen, dass Südafrika eine wirklich eigenständige Welt war, deren Bild mit jedem größeren Fund immer farbiger und detaillierter wird. Ein solcher großer Fund wurde jetzt im Wissenschaftsmagazin "Nature" vorgestellt, auch wenn es ein vielleicht gerade mausgroßes Tier war. Cronopio dentiacutus hat seinen Namen von einer Gestalt aus den Geschichten des argentinischen Schriftstellers Julio Cortázar und von seinen wirklich beeindruckenden Eckzähnen, die fünf Millimeter aus seinem nur 15 Millimeter langen Oberkiefer herausragten. Die Schnauze selbst war für das Tier sehr lang und schmal, um so rätselhafter sind die Zähne. "Wir haben nicht die geringste Ahnung, wofür das Tier diese Zähne benutzte", erklärte einer der Entdecker, Guillermo Rougier von der Universität Louisville in Kentucky, gegenüber der BBC. 

Die "Säbelzahn-Maus" gehörte zur Überordnung der Dryolestoiden, heute ausgestorbenen Verwandten von Beutel- und Plazentatieren, den moderneren Vertretern der Säugetiere. Sie lebte vor rund 100 Millionen Jahren, also zur Blütezeit der Dinosaurier, als alle Säugetiere ziemlich klein und unauffällig waren. Gefunden wurden ihre Überreste - vor allem Schädelfragmente, aus denen der Kopf des Tieres weitgehend rekonstruiert werden konnte - in der argentinischen Provinz Rio Negro. Der Fundort hat bereits zahlreiche Dinosaurier unterschiedlicher Größe hervorgebracht, Cronopio hatte also eine vielgestaltige Reptilien-Umgebung.

Doch unter Säugetieren ist er ziemlich allein auf weiter Flur. "Das Fossil überbrückt eine Lücke von 60 Millionen Jahren in der Überlieferung", erklären die Autoren in ihrem Bericht. Denn für den größten Teil der Kreidezeit hat man bislang überhaupt keine Säuger-Fossilien gefunden. Die spärlichen Funde haben bislang nur die großen Linien eines Bildes ergeben: Doch das zeigt eine Fauna, die durch die zunehmende Isolierung des Kontinents auf einen immer stärkeren Sonderweg gedrängt wurde. "Es war aufgrund der bisher gefundenen Zahnfunde bekannt, dass es während der späteren Kreidezeit in Südamerika viele Arten von Dryolestoiden in vielen verschiedenen ökologischen Nischen gegeben haben muss", schreibt der französische Paläontologe in einem Kommentar für "Nature", nur gefunden hat diese Tiere bislang noch niemand. 

Weil im Gegenzug bislang noch kein südamerikanisches Beutel- oder Plazentatier aus dem fraglichen Zeitraum bekannt ist, liegt der Schluss nahe, dass sich die Dryolestoiden auf dem isolierten Kontinent durchsetzten. Möglicherweise kam diese Blüte dann infolge der zehn Millionen Jahre bestehenden Landbrücke zum amerikanischen Nordkontinent an ihr abruptes Ende. Über diesen Weg dürften viele "Neusiedler" eingewandert sein und den altansässigen Säugern ihren Lebensraum streitig gemacht haben.