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Vorläufer der Katastrophe

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 11:55

Mit 220.000 Todesopfern und Milliardenschäden zählt der Tsunami, der Weihnachten 2004 durch den Indischen Ozean rollte, zu den größten Katastrophen der vergangenen Jahre. Doch die Welle, die von Sumatra bis Sri Lanka wütete, hatte Vorläufer, deren Spuren jetzt auf Sumatra und in Thailand entdeckt wurden. In der aktuellen „Nature“ stellen die Entdecker sie vor. Über die Konsequenzen aus den Funden, sind sich Wissenschaftler jedoch uneins.

Probennahme in der MarschDie Wellen des Tsunamis vom 2. Weihnachtstag 2004 waren zum Teil mehr als 20 Meter hoch und drangen bis zu zwei Kilometer landeinwärts, sie hinterließen eine Sandschicht, die zwischen fünf und 20 Zentimeter dick war. Doch das war nicht die einzige Sandschicht, die zwei Wissenschaftlerteams unabhängig voneinander in der Nähe von Banda Aceh und auf der thailändischen Insel Phra Tong fanden. Die Forschergruppe um Kate Monecke, die am Strand vor der 2004 komplett zerstörten Provinzhauptstadt Banda Aceh grub, fand Spuren von insgesamt drei Tsunamis, die den Küstenabschnitt an der Nordspitze von Sumatra getroffen haben.

Zwei große Wellen konnten auf die Zeit zwischen 780 und 990 und auf den Zeitraum zwischen 1290 und 1400 nach Christus datiert werden. Von diesen wohl mit dem Tsunami von 2004 vergleichbaren Katastrophen wußte man bislang mangels schriftlicher Aufzeichnungen nichts. Eine schwächere Spur konnte mit einer Flutwelle aus dem Jahr 1907 in Verbindung gebracht werden, bei der auf der Insel Simeulue, 150 Kilometer vor der Westküste Sumatras, zahlreiche Dörfer zerstört und einige Tausend Menschen getötet wurden.

Bohrkernnahme in einem SeeDer mittlere Tsunami aus dem 14. Jahrhundert war offenbar der stärkste, denn seine Spuren fanden sich auch auf der thailändischen Insel Phra Tong, 500 Kilometer entfernt an der gegenüberliegenden Küste der Andamanensee. Die beiden anderen Tsunamis fand die Arbeitsgruppe um Kruawun Jankaew von der Chulalongkorn Universität in Bangkok nicht in ihren Bodenproben. Allerdings sprechen die Forscher von einer Reihe von undatierten Sandschichten unterhalb des mittelalterlichen Tsunamis, so dass nicht ausgeschlossen ist, dass sich die frühmittelalterliche Welle trotzdem bis nach Thailand fortpflanzte.

Beide Arbeiten sind der Beginn eines dringend benötigten Tsunamiverzeichnisses für den Indischen Ozean, das sich hauptsächlich auf Ausgrabungen und geologische Untersuchungen wird stützen müssen, denn die schriftlichen Aufzeichnungen für Indonesien reichen beispielsweise nur 400 Jahre zurück. Ein solches Register ist aber nötig, um das Tsunami-Risiko für die Region einschätzen zu können. Für Erdbeben ist das die bislang immer noch zuverlässigste Methode und, da die Flutwellen im Indischen Ozean durch Erdbeben im Sunda-Andamanen-Graben ausgelöst werden, auch hier angemessen.

Eine Boje des Tsunami-FrühwarnsystemsÜber die Bewertung der ersten Ergebnisse gibt es gleichwohl Differenzen zwischen verschiedenen Forschern. In einem Kommentar zu den beiden Studien schreibt Stein Bondevik von der Universität Tromsö, dass es wenig Sinn mache, in ein Tsunamifrühwarnsystem zu  investieren, wenn Katastrophenfluten nur alle 600 Jahre aufträten. Beim Geoforschungszentrum Potsdam, das gerade letzte Hand an das mit deutschem Geld bezahlte Frühwarnsystem Gitews in Indonesien legt, sieht man das naturgemäß anders. „Zwischen den großen Tsunamis gibt es auch viele kleinere mit gleichwohl schlimmen Folgen“, meint etwa Ute Münch vom Gitews-Projektteam in Potsdam, „vor denen wir die Menschen warnen können.“ Am 11. November soll das Frühwarnsystem offiziell gestartet werden.

Bohrkernnahme in einem SeeWichtig, so betonen auch die beiden Forschergruppen aus Aceh und Thailand, sei es, das Wissen in der Bevölkerung zu bewahren, wie man sich im Tsunamifall am besten schützen könne. Die Insel Simeulue liefert dafür ein anschauliches Beispiel: Starben bei dem schwächeren Tsunami vor gut 100 Jahren noch Tausende Menschen, so kamen bei der katastrophalen Flutwelle von 2004 offenbar nur eine Handvoll Menschen ums Leben. Die Bewohner hatten sich auf die höchsten Erhebungen ihrer Insel geflüchtet, als sich das Meer auffällig weit zurückzog. Diese Lehre aus der Flut von 1907 hatten die Ältesten der Dörfer von Generation zu Generation weitergegeben.

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