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Vulkanausbruch blieb stecken

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 30.09.2010 10:17

Der Nordwesten der arabischen Halbinsel galt bisher als seismisch ruhige Zone, die vom Aufreißen des Roten Meeres wenig spürt. Auch Vulkanismus kennt man in diesem nördlichen Teil Saudi-Arabiens kaum. Gleichwohl lassen sich in den Überlieferungen durchaus Eruptionen finden, und die Lavafelder, die man in der Nordwesthälfte des Königreichs findet, sprechen ebenfalls für eine unruhigere Vergangenheit. Im Frühsommer 2009 wäre es in der dünn besiedelten Nordwestprovinz Tabuk offenbar beinahe wieder zu einem Vulkanausbruch gekommen. Wissenschaftler aus den USA und Saudi-Arabien berichten jetzt in "Nature Geoscience", dass ein auffälliger Erdbebenschwarm in Mai und Juni 2009 mit einem steckengebliebenen Ausbruch zusammenhing.

Inspektion im VulkanfeldRund 40.000 Menschen ließ die saudische Regierung im Frühsommer 2009 aus der Stadt Al-Ays evakuieren, die rund 175 Kilometer von der viertgrößten Stadt des Landes, Medina, entfernt liegt. Al-Ays befindet sich mitten im Vulkanfeld Harrat Lunayyir, das zuletzt wohl im 10. Jahrhundert aktiv war. Seitdem herrschte hier Ruhe, bis von April bis Juni 2009 ein Schwarm von über 30.000 meist kleineren Erdbeben der Magnitude 4 die Region erschütterte. Die Behörden befürchteten offenbar, dass Schlimmeres als ein Erdbeben dahinter stecken könnte, und evakuierten daraufhin die komplette Stadt. Jetzt steht fest, dass sie nicht umsonst beunruhigt waren. Die Ursache dieser Beben war ein Vulkanausbruch, der glücklicherweise steckenblieb. Das Gebiet liegt ungefähr 175 Kilometer von dem Riss mitten im Roten Meer entfernt, an dem die Afrikanische und die Arabische Platte auseinandertreten. "Die Bewegungen konzentrieren sich derzeit im Bereich des Roten Meers", erklärt John Pallister vom Geologischen Dienst der USA, "aber anscheinend leckt der unter dem Roten Meer aufsteigende heiße Mantel, so dass das Magma auch unter dem Jemen, Saudi Arabien und Jordanien aufsteigt."

"Es war knapp diesmal, aber es ist trotzdem stecken geblieben", erklärt der Vulkanologe. Zwei Kilometer unterhalb der Erdoberfläche blieb das Magma stecken und erstarrte dort. Bei diesem Ausbruch entstand im Untergrund keine Magmenkammer wie unter einem „normalen“ Vulkan, stattdessen presste sich das aufsteigende Magma wie ein Blatt durch das Gestein. "In einem 50 bis 80 Kilometer großen Gebiet entstand ein magmatischer Gang, und das Magma hob die Region um 40 Zentimeter an", beschreibt Pallister das Geschehen im Untergrund. Dieser Aufstieg des Magmas wurde durch den Bebenschwarm begleitet, der den Bewohnern von Al-Ays wie ein andauerndes Zittern der Erde erschien. "Die meisten dieser Beben waren klein, eines am 19. Mai 2009 brachte es jedoch auf eine Magnitude von 5,7", berichtet Pallister. Auf eine Länge von acht Kilometern wurde der Wüstenboden aufgerissen und einige Häuser der Stadt wurden beschädigt. Daraufhin ließen die Behörden evakuieren.

Aschekegel in Harrat Lunayyir, breitSofort nach Beginn der Beben wurde ein seismisches Netzwerk in der Region installiert und außerdem wurden Satellitendaten ausgewertet: Die Datensätze gehörten zu den besten, die jemals von einem solchen Ereignis gewonnen werden konnte, so John Pallister. Es sei das erste Mal, dass sozusagen das Eindringen eines magmatischen Gangs in Gestein beobachtet werden konnte. "Der Vulkanismus in Harrat Lunayyir hängt mit dem Auseinanderweichen von Afrika und Arabien zusammen", erklärt der Vulkanologe, "dabei steigt heißes Mantelmaterial auf und es entstehen Laven, die nicht nur die Vulkane speisen, sondern auch die Gänge, die in den Untergrund eindringen." In den 20 Millionen Jahren, in denen beide Kontinentalplatten auseinandertreten, sind Teile der Arabischen Halbinsel um bis zu 3000 Metern angehoben worden.

Dass sich der Graben im Roten Meer soweit im Landesinneren der Arabischen Halbinsel bemerkbar macht, hat die Geologen überrascht. Damit ist die magmatische Aktivität sehr viel komplexer, als man es sich vorgestellt hat - und das Risiko für die Bevölkerung muss folglich höher eingestuft werden. Pallister: "Im vergangenen Jahr war die Wahrscheinlichkeit eines Ausbruchs hoch, lag bei etwa 20 Prozent. Es ist noch einmal gut gegangen, aber der Weg an die Oberfläche ist fast frei, denn solche Strukturen neigen dazu, reaktiviert zu werden." In der Gegend des Harrat Lunayyir-Lavafelds leben wenige Menschen, aber das keine 200 Kilometer entfernte Gebiet um die heilige Stadt Medina ist dicht besiedelt und eine Boomregion. Hier hat es 1256 den jüngsten Vulkanausbruch gegeben.

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