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Wachsendes Risiko

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 28.04.2014 11:51

Die Prognosen sind bedrückend: Träfe ein Beben der „Tohoku-Stärke“ 9 den Großraum von Tokio bis Osaka, rechnet die japanische Regierung mit mehr als 320.000 Toten und 80 Millionen Obdachlosen und Evakuierten. Und Seismologen schätzen das Risiko als hoch ein, dass das schwere Beben stärker als Magnitude 7 sein könnte. Wenig zur Beruhigung trägt deshalb die Arbeit von Shinzaburo Ozawa bei, die nun in den Geophysical Research Letters erschienen ist. Der Spezialist der Geospatial Information Authority of Japan in Tsukuba geht aufgrund von GPS-Messungen davon aus, dass sich der tektonische Stress in nicht allzu ferner Zukunft in „The Big One“ entladen könnte.

Ballungsraum mit 35 Millionen Einwohnern: Tokio bei Nacht. (Bild: Wikimedia Commons)Japan ist das Land der Vulkanausbrüche und Erdbeben. Denn dort treffen in einem komplizierten Mosaik gleich mehrere große tektonische Krustenplatten aufeinander, und an allen diesen Kollisionszonen können sehr schwere Erdbeben entstehen. Nun fürchten Geowissenschaftler seit dem Tohoku-Ereignis 2011, dass sich das ohnehin vorhandene Risiko für die Hauptstadt Japans noch erhöht haben könnte. Wenig zur Beruhigung geeignet ist da die Auswertung von GPS-Daten, die Shinzaburo Ozawa von der Geospatial Information Authority of Japan vorstellt: Danach verstärkt sich der tektonischer Stress derzeit durch sogenannte stille oder langsame Erdbeben in der Bucht von Tokio.

Diese langsamen Beben gleichen einem normalen - nur dass sich die Spannungen nicht mit einem Schlag entladen, sondern sehr langsam, über Stunden, Tage oder Wochen hinweg. Erst GPS-Messungen machen diese Krustenbewegungen beobachtbar. Shinzaburo Ozawa hatte bei seiner Untersuchung die Bōsō-Halbinsel im Blick. Sie bildet die Ostseite der Bucht von Tokio und wo sie liegt, kollidieren die Pazifische Krustenplatte, die Philippinische und die von Okhotsk. Ozawa stellte fest, dass sich die Halbinsel zwischen dem 28. Dezember 2013 und dem 10. Januar 2014 um zehn Zentimeter verschoben hat. Die bei diesem langsamen Ereignis freigesetzte Energie entspricht einem Beben der Magnitude 6,5 - allerdings wären die Bewegungen ohne GPS nicht aufgefallen.

Die tektonische Situation vor der japanischen Hauptinsel Honshu. (Bild: GFZ Potsdam)Zwar ist dieses Ereignis von der Jahreswende 2013/14 das kleinste, das bislang dort beobachtet worden ist. Allerdings ist es auch das mit dem kürzesten Abstand zum vorhergehenden: Zwischen 1996 und 2014 verringerte sich das Wiederholungsintervall der Langsamen Beben von 6,4 auf 2,2 Jahre, schreibt der Forscher. Einer älteren Untersuchung zufolge waren die Abstände davor noch größer, wobei die Ereignisse - mit Ausnahme dieses jüngsten - in etwa immer gleich stark waren. Diese Veränderungen könnten darauf hinweisen, dass sich durch das Tohoku-Erdbeben und seine Nachbeben das Stressfeld in der Region verändert hat, so Ozawa. Modellrechnungen legten außerdem nahe, dass sich die Abstände zwischen langsamen Erdbeben verkürzten, wenn ein großes Beben bevorstehe.

„Dass sich seit dem Tohoku-Beben die Langsamen Bōsō-Beben früher als erwartet ereignen, ist wirklich interessant“, erklärt Roland Burgmann von der University of California in Berkeley, der an der Untersuchung nicht beteiligt war. Es lege nahe, dass sich der tektonische Stress und die Seismizität insgesamt erhöht hätten: „Diese Region sollte sehr genau im überwacht werden, vor allem, ob sich noch weitere Langsame Beben ereignen.“ Und so erwarten die Japaner „The Big One“, und sie erinnern sich an das Große Kantō-Beben von 1923: Seine Magnitude lag wohl bei 7,9 auf der Moment-Magnituden-Skala. Im Großraum Tokio starben mehr 100.000 Menschen, weitere 40.000 gelten als vermisst.