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Weit entfernter Verwandter

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.06.2009 08:43

Wer im Sonnensystem nach erdähnlichen Bedingungen sucht, schaut vor allem in die nächste Umgebung. Mars und Venus haben vermutlich zumindest in ihrer Anfangszeit so ausgesehen wie unser Planet. Dann allerdings ging etwas grundsätzlich schief und verwandelte den einen in eine rote und staubige Kältewüste und die andere in ein höllisches Treibhaus. Ähnlichkeit mit der Erde haben beide daher nur noch entfernt. Dafür sind in den letzten Jahren ein paar Kandidaten aus der weiteren Umgebung aufgetaucht, die durch aus Erdähnlichkeit für sich beanspruchen können. Der wohl heißeste Kandidat heißt Titan. Er umkreist den Saturn und ist fast so groß wie Merkur, was ihn zum größten Mond des Sonnensystems macht. Seit das europäische-amerikanische Raumsonden-Duo Cassini-Huygens am Titan ankam, werden immer mehr Überraschungen über den planetengroßen Mond weit draußen veröffentlicht.

Titan-Landschaft„In vielerlei Hinsicht funktioniert Titan wie die Erde“, fasst Ralph Lorenz vom Applied Physics Laboratory der Johns Hopkins Universität in Maryland die größte Überraschung für die Planetologen zusammen. Das klingt gewagt, denn der in dichte Dämpfe gehüllte Mond, ist rund 9,5 Mal weiter von der Sonne entfernt als die Erde und damit bitter kalt. Bei minus 180 Grad Celsius liegt die durchschnittliche Oberflächentemperatur. Wasser, das Lebenselixier der Erde, ist unter solchen Bedingungen nur in steinhart gefrorener Form anzutreffen. Allerdings hat er auf den zweiten Blick viel von dem, was unseren Planeten auszeichnet.


Polarwirbel auf dem TitanDa ist zunächst einmal seine Atmosphäre, die wesentlich dichter als die der Erde ist und vor allem aus Stickstoff, Methan und einer überraschend großen Zahl verschiedenster Kohlenwasserstoffe besteht. „Wir haben gedacht, das sind einfache Kohlenwasserstoffe, also Methan, Ethan“, erklärt Professor Ralf Jaumann vom Institut für Planetenforschung beim Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt, „nein, wir finden auch sehr komplexe, wie zum Beispiel Benzol." Benzol aber ist ein aufwendiges Ringmolekül aus sechs Kohlenstoff- und sechs Wasserstoffatomen. Diese und noch komplexere Moleküle schlagen sich als Partikel in der Titanatmosphäre nieder und sorgen für den charakteristischen Dunstschleier, der den Mond umgibt und nur sehr schwer zu durchdringen ist.

Landschaft auf TitanDennoch hat Cassini einiges von der Titanoberfläche erkennen können - und auch die hat die Planetologen überrascht. „Der Mond hat eine sehr irdische Topographie“, fährt Lorenz fort, „es gibt Berge, von Flüssen tief eingeschnittene Schluchten, weite Dünenfelder in Äquator- und Seen in Polnähe.“ Allerdings ist die Titanoberfläche offenbar viel trockener als man sich das vorgestellt hat. Von den Flüssen sind nur die Canyons geblieben, die ausgedehnten Dünen am Äquator belegen, dass es dort kaum Flüssigkeit gibt, und die ausgedehnten Ozeane von Kohlenwasserstoffen, die man zu Beginn der Titanerkundung erwartete, gibt es offenbar nicht. Dafür hat man an den Polen große Seen gefunden. Flusssysteme auf dem TitanIn der aktuellen Ausgabe von „Nature“ berichten Wissenschaftler des Cassini-Teams über den ersten außerirdischen See, in dem allerdings statt Wasser vor allem Methan schwappt, das auf der Erde als Erdgas verheizt wird oder als Flüssiggas Motoren antreibt. „Die Bedingungen auf der Titanoberfläche sind so, dass dort das Gas Methan die Rolle des Wassers auf der Erde spielt“, erklärt Ralph Lorenz, „wir haben einen Flüssigkeitskreislauf mit Verdunstung, Wolkenbildung und Niederschlag.“

Allerdings gibt es durchaus flüssiges Wasser auf dem Titan, aber nicht an der Oberfläche, sondern tief darunter. In seinem Inneren muss es einen den gesamten Mond umspannenden Ozean aus Wasser geben, Ontario lacusdenn die viele Kilometer dicke Kruste ist nicht mit dem Mondinneren verbunden, sondern bewegt sich unabhängig davon. „Und das lässt sich eigentlich sinnvoll nur erklären, wenn man annimmt, dass unter dieser Kruste ein flüssiger Ozean aus Wasser existiert, auf dem die Kruste dann schwimmt“, erklärt Ralf Jaumann. „Titan ist wie eine Zwiebel, und eine der Schichten ist aus Wasser“, ergänzt Ralph Lorenz.

Titan und die Ringe des SaturnDamit aber hat der Saturnmond eigentlich alles, was ein Himmelskörper braucht, um Leben hervorzubringen. „Ein innerer Ozean und organische Moleküle an der Oberfläche“, so Lorenz, „das ist aus astrobiologischer Sicht eine ausgesprochen aufregende Kombination.“ Für die Sucher nach außerirdischem Leben ist der Saturnmond damit in die erste Reihe der Expeditionsziele gerückt, zumal Cassini gar nicht eingehend genug hinschauen kann. „Die komplexeren Kohlenwasserstoffe kann die Sonde gar nicht genau bestimmen“, erklärt der Missionswissenschaftler Dennis Matson vom Jet Propulsion Laboratory der Nasa in Pasadena, „denn wir haben bei der Auslegung der Instrumente überhaupt nicht damit gerechnet, auf solche Moleküle zu stoßen.“ Titan ist daher einer der großen Favoriten für die gemeinsame europäisch-amerikanische Mission zu den Gasplaneten, die für die zweite Hälfte des nächsten Jahrzehnts geplant ist.  Die Entscheidung, ob der Saturnmond noch einmal Besuch von der Erde bekommt, soll noch in diesem Jahr fallen.

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