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Weiterhin keine Entwarnung

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 24.02.2011 12:41

Am 27. Februar 2010 traf ein schweres Erdbeben die Mitte Chiles um die Stadt Concepción. 521 Tote und rund 22 Milliarden Euro Sachschaden waren die Bilanz dieses fünftstärksten jemals gemessenen Erdstoßes. Das Beben ereignete sich in einem Gebiet, das seit 1835 ruhig geblieben war - und das in einem der seismisch aktivsten Gebiete der Erde. Jetzt haben Analysen in "Nature Geoscience" ergeben, dass die Chilenen trotzdem noch nicht aufatmen können, die im Untergrund aufgestaute Energie hat sich nicht vollkommen entladen. Auch das jüngste Beben vom 14. Februar 2011, das sich rund 80 Kilometer nördlich ereignete, hat das nicht vermocht.

Unterschiede in der StandfestigkeitDas Erdbeben vom 27. Februar 2010 war selbst für dieses erschütterungsgewohnte Land ungewöhnlich stark, mit einer Magnitude von 8,8 belegt es Platz 5 auf der Rangliste der schweren Beben. Doch die Erwartung, dass damit die so genannte Darwin-Lücke geschlossen worden sei, scheint getrogen zu haben. "Das ist eine seismische Lücke in der wohlbekannten Subduktionszone", erklärt Stefano Lorito vom italienischen Institut für Geophysik und Vulkanologie, "in diesem rund 200 Kilometer langen Streifen zwischen den Städten Concepción und Constitución hat es seit 1835 nicht mehr gebebt." Damals hat Darwin das Beben auf seinem berühmten Schiff "Beagle" erlebt und es in seinem Reisetagebuch vermerkt.

Seitdem hat es in Mittelchile vier starke Beben gegeben, den gewaltigen Magnitude 9,5 starken Chile-Schock von 1960 inbegriffen. Die Darwin-Lücke allerdings blieb ruhig. Fachleute wie Stefano Lorito rechneten damit, dass das nicht so blieb. "Da hat ein großes Erdbeben gefehlt", erklärt er, "zumal sich herausstellte, dass sich die kollidierenden Kontinentalplatten gerade dort regelrecht verhakt hatten." Seit 1835 hat sich an dieser Stelle in der Erdkruste gewaltiger Stress aufgebaut und man wartete auf das Beben, das diesen Stress lösen sollte. Doch das genau ist jetzt die Frage: Haben das Beben aus dem Februar 2010 und das fast 2000 Mal schwächere vom 14. Februar diesen Jahres tatsächlich den Stress komplett gelöst und die Darwin-Lücke geschlossen?

Schiff an LandLorito und seine Kollegen haben aus Daten über den Bodenversatz an Land und im Meer rekonstruiert, wo in der Darwin-Lücke die Platten sich um wie viele Meter bewegt haben. Und da stellte sich heraus, dass sich die seismische Lücke nicht ganz geschlossen hat. "Der größte Teil dieser Bewegung", betont er mit Blick auf das Starkbeben von 2010, "fand nicht wie erwartet innerhalb der Lücke statt. Er lag stattdessen nur in ihrem nördlichen Teil und griff auch in das nördlich angrenzende Gebiet über." Direkt nördlich anschließend hat sich schon 1928 ein Erdbeben der Magnitude 8,0 ereignet, aber das hat anscheinend nicht ausgereicht, die Spannung im Erdboden aufzulösen. Das schwächere aus diesem Jahr lag auch wieder im nördlichen Bereich der Lücke, aber von ihm ist auszuschließen, dass es die Spannungen auch nur annähernd hat abbauen können. Der südliche Teil der Darwin-Lücke dagegen ist auch diesmal nicht gebrochen. Lorito: "Weil die Platten hier aber ziemlich verhakt sind, ist ein weiterer Bruch zu erwarten."

Erdbebenopfer in ConcepcionZwei Lehren zieht der Geophysiker aus den Ergebnissen seiner Arbeitsgruppe: Erstens sei für Mittelchile die Bebengefahr tatsächlich noch gestiegen. "In der Lücke gibt es Potential für ein weiteres Beben mit einer Magnitude zwischen 7 und 8", so Lorito. Die wären mindestens viermal so stark wie jenes, welches sich am 14. Februar 2011 ereignet hat. Und zweitens müssen die Geophysiker und Seismologen ihre Methoden überdenken, mit denen sie die Erdbebenzonen auf besonders risikoreiche Stücke abklopfen. "Die bisherige Erdbebengeschichte und die genaue Kenntnis der Plattensituation vor Ort reichen nicht aus, um genau vorherzusagen, welches Beben zu erwarten ist", warnt Lorito. Seismische Lücken, die überfällig sind, gibt es südlich von Istanbul, vor dem südlichen Sumatra und in Südkalifornien. Ob sie allerdings tatsächlich die Kandidaten mit der höchsten Wahrscheinlichkeit sind, muss im Lichte von Loritos Ergebnissen überdacht werden.

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