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Weitläufige Verwandtschaft

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 27.11.2013 16:32

Die indianischen Ureinwohner des amerikanischen Doppelkontinents haben unerwartete Verwandtschaft vom Baikalsee bekommen. Paläogenetiker unter Leitung des Dänen Eske Willerslev vom Center for GeoGenetics der Universität Kopenhagen haben Erbgut eines 24.000 Jahre alten Menschenskeletts aus der Fundstätte Mal'ta in der Nähe von Irkutsk analysiert und dabei Gemeinsamkeiten mit dem Erbgut der amerikanischen Ureinwohner gefunden. In der aktuellen "Nature" berichten sie über die Ergebnisse.

 Eske Willerslev, Uni Kopenhagen, und Kelly Graf, TAMU, nehmen Proben des Steinzeitskeletts von Mal'ta. (Bild: TAMU/Ted Goebel)Auf 14 und 38 Prozent schätzen die Genetiker den Anteil des sibirischen Erbes. Hinzu kommt, dass andere Erbgutteile des sibirischen Steinzeitmenschen auf eine Verbindung nach Europa hindeuten, ebenso die Artefakte, die zusammen mit dem Skelett gefunden wurden. Unter ihnen befinden sich die bekannten Venus-Figurinen, die ein Kennzeichen der Steinzeitkulturen auf europäischem Boden sind. "Interessanterweise gibt es nur geringe oder gar keine Beziehung zu der heutigen Bevölkerung der Baikalregion", erklärt Hauptautorin Maanasa Raghavan vom Center for GeoGenetics.

 

Die Funde im Grab von Mal'ta, wie sie von Archäologen 1935 entdeckt wurden. (Bild: TAMU/K. Graf) Das Skelett stammt von einem männlichen Jugendlichen und wurde bereits in den 30er-Jahren ausgegraben. Seither lagen die Überreste in der Petersburger Eremitage, wo sie Eske Willerslev und seine US-Kollegin Kelly Graf von der Texas A&M University in College Station, untersuchen und beproben durften. Anschließend sequenzierten die Genetiker in Kopenhagen das Erbgut der Zellkraftwerke, der Mitochondrien, sowie die beiden Geschlechtschromosomen aus dem Zellkern. Der Junge vom Baikalsee ist damit der bislang älteste Vertreter des modernen Menschen, dessen Erbgut aufgeschlüsselt wurde.  Alle drei Erbgutteile zeigten übereinstimmend, dass der Jugendliche eng mit den Bewohnern Westeurasiens verwandt war und keinerlei Beziehungen zum Fernen Osten Asiens besass. Das alleine war schon interessant, weil es den Siedlungsraum der "europäischen" Steinzeitbevölkerung weit nach Sibirien ausdehnte. Die eigentliche Überraschung aber war, dass das Mal'ta-Skelett exklusive genetische Gemeinsamkeiten mit den Ureinwohnern der beiden Amerikas besaß. "Das war für uns eine vollkommene Überraschung", meint Eske Willerslev in einer Presseerklärung, "wo wir doch bereits in der Schule gelernt haben, dass die amerikanischen Ureinwohner von Völkern aus dem Fernen Osten abstammen." Der Mal'ta-Junge ist zudem keine Einzelfall, ein weiteres Skelett aus Afontova Gora in der Nähe von Krasnojarsk zeigte die gleichen genetischen Beziehungen, ist allerdings mit rund 17.000 Jahren wesentlich jünger. Offenbar siedelte die Population, die sowohl Verwandtschaftsbeziehungen zu Europäern wie zu amerikanischen Ureinwohner aufweist, für einen sehr langen Zeitraum im südlichen Sibirien.

 

Blick auf die Landschaft am Baikalsee. (Bild: Niobe Thompson) Die große Frage ist jetzt, wie die Gene der Südsibirien-Population auf die untergegangene Landbrücke Beringia zwischen Asien und Nordamerika kamen und von dort auf den amerikanischen Doppelkontinent. Willerslev und seine Kollegen vermuten, dass Vertreter dieser Population sich am Ende der Eiszeit nach Nordosten in Richtung der Landbrücke zwischen Sibirien und Alaska aufmachten und dort zusammen mit Menschen aus dem asiatischen Fernen Osten nach Amerika einwanderten.  Irgendwo auf dem Weg kam es dann zu einer Vermischung beider Gruppen, aus der sich dann die indianischen Ureinwohner entwickelten. Der südsibirisch-westeurasische Erbgutanteil würde auch etliche Fälle erklären, in denen Indianer auffallend geringe Ähnlichkeit mit ihren Stammesgenossen aufwiesen. Bislang waren diese Menschen als Abkömmlinge von Beziehungen mit neuzeitlichen europäischen Einwanderern angesehen worden. Nach den jüngsten Erkenntnissen könnte es sein, dass einfach das Erbe ihrer südsibirischen Vorfahren stärker durchgeschlagen ist.

 

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