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Wer füllt den Brotkorb?

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 24.09.2014 17:31

Das Bevölkerungswachstum der Menschheit ist offenbar ungebrochen und wird nach neuesten Berechnungen bis zum Ende dieses Jahrhunderts anhalten. Zwischen 9,5 und 12,6 Milliarden Menschen werden dann auf der Erde leben - so schreiben es Wissenschaftler der UN-Abteilung für Bevölkerung zusammen mit anderen Forschern in der aktuellen "Science". Eine Steigerung um gut ein Drittel droht also statt einer Stagnation auf hohem Niveau und damit eine Verschärfung der Ernährungslage.

Nur die intensivste Landwirtschaft übertrifft die Natur an Produktivität. (Foto: Hinrich, Wikimedia Commons)Vor diesem Hintergrund gewinnt die Forderung Gewicht, mit modernsten Technologien und bestem Saatgut den Ertrag auf allen verfügbaren Flächen auf die Spitze zu treiben. Immerhin, so die dahinter stehende Überlegung, hat in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts die sogenannte Grüne Revolution mit genau diesen Mitteln Asien gerettet. Ins Zentrum rücken groß angelegte Projekte, die mit hohem Kapitaleinsatz riesige Farmen errichten und auf Höchstertrag trimmen. Eine aktuelle Studie in den "Environmental Research Letters" schätzt, dass durch die derzeit bekannten Vorhaben zwischen 110 und 180 Millionen Menschen zusätzlich ernährt werden können. "Die betroffenen Gebiete sind mangels moderner Technologie nur schwach genutzt", schreiben die Autoren Maria Cristina Rulli vom Polytechnikum Mailand und Paolo D'Odorico von der Universität Virginia, "es ist zu erwarten, dass die industrielle Landwirtschaft auf lange Sicht die Technologie zur Verfügung stellt, um die bestehenden Ertragslücken zu schließen."

Buschlandschaft im malischen Sahel. (Bild: NOAA)Gerade in Afrika, in dem die Bevölkerung besonders stark wachsen soll, gibt es zahlreiche solcher Projekte. Das Kapital stammt zum großen Teil von Investoren aus den Industriestaaten, aus Arabien oder China. Die Konsortien erhalten von den afrikanischen Staaten Konzessionen für riesige, als ungenutzt deklarierte Landstriche, um sie mit eigenem Geld in profitables Hochleistungsackerland umzuwandeln. Was sich in Investitionsprospekten und Regierungsdokumenten gut liest, geschieht jedoch in der Regel ohne Beteiligung der Bevölkerung vor Ort. Kritiker nennen das Phänomen deshalb Land Grabbing, auf Deutsch vielleicht mit "Landklau" zu übersetzen. So ungenutzt ist das Land nämlich gar nicht. "Das 'Märchen' stimmt eigentlich so fast nie", kritisiert Philipp Baumgartner vom Zentrum für Entwicklungsforschung der Universität Bonn, "Investoren wollen zugängliche und fruchtbare Flächen und vor allem auch Zugang zu Wasser haben. Diese Flächen sind eigentlich nie ungenutzt." Die Konzession für den Investor bringt die einheimische Bevölkerung um ihre Lebensgrundlage. 

Die mangelnde Rücksicht auf die Menschen vor Ort ist einer der Hauptkritikpunkte. "Die kritische Frage bleibt", so Baumgartner, "wer vor Ort von diesem 'Mehr an Produktion' profitiert und ob diejenigen, die primär verlieren, zum Beispiel Zugang zu Wald und Weideland, angemessen entschädigt werden, oder Gelegenheit bekommen, anderweitig ihren Lebensunterhalt zu bestreiten." Das kann nicht nur die Bauern und Hirten treffen, denen Äcker und Weiden genommen wurden, sondern auch die gesamte Bevölkerung der Region oder gar des ganzen Staates. "Viele dieser Projekte werden in Regionen eingerichtet", schreiben Rulli und D'Odorico, "die Probleme mit der Versorgungssicherheit haben." Würde der regionale Nahrungsmangel durch mit Fremdkapital erzielte Ertragssteigerungen verringert - es wäre eine klassische Win-Win-Situation. 

Trockenrisse im afrikanischen Boden.Doch viele der Latifundien exportieren ihre Produktion komplett oder zum größten Teil. Das Problem sehen auch die beiden Autoren der Studie. "Ob Land Grabbing gut oder schlecht ist", so heißt es in dem Bericht, "hängt teilweise davon ab, ob die Ernte exportiert wird oder nicht. Häufig gibt es keine sinnvollen Konzepte, den Nahrungsmittelexport zu verhindern." Doch gerade arabische oder chinesische Kapitalgeber verfolgen das explizite Ziel, mit den Farmen in anderen Ländern ihre eigene Bevölkerung zu ernähren - und für andere Investoren ist der Weltmarkt allemal lukrativer als die Konsumenten vor Ort. Doch auch der Glaube an die Überlegenheit einer industriellen Landwirtschaft gegenüber den Kleinbauern vor Ort, der hinter dem Konzept steht, wird nicht überall geteilt. Zwar kann man mit steigender Größe rationalisieren und industrielle Verfahren einsetzen, doch das lässt sich nicht unendlich fortsetzen. "Viele Studien zeigen, dass die Hektarproduktivität jenseits einer bestimmten Farmgröße abnimmt", so Baumgartner, "viele der Land-Akquisitionen in Afrika sind größer als 20.000 Hektar und haben damit ein Ausmaß, das sehr schwer zu managen ist." Hinzu kommt noch, dass die Kleinbauern auch Flächen kultivieren, die für industriellen Einsatz schlecht geeignet sind, und darüber hinaus eine bedeutende Rolle für den Erhalt der Artenvielfalt und damit der Leistungsfähigkeit ihres Ökosystems spielen können.

Der Oranje ist der zweitlängste Fluss im südlichen Afrika. (Bild: E. Schefuss, MARUM)Neben der grundsätzlichen Auseinandersetzung um das Konzept gibt es auch noch Zweifel an den Zahlen, die zur Bewertung herangezogen werden. Die Land Matrix genannte Statistik über Zahl und Größe der Farmprojekte mit internationaler Investorenbeteiligung ist alles andere als zuverlässig. "Es gibt eine Reihe schwerer Einwände sowohl gegen die Statistik selbst als auch gegen ihre unkritische Verwendung in akademischen Studien und darauf basierenden Veröffentlichungen", schreibt etwa der Ökologe Ian Scoones vom Institut für Entwicklungsstudien der Universität Sussex. So wurden häufig die Pressemeldungen über entsprechende Projekte und Ankündigungen der Investorenkonsortien ausgewertet. "Beides muss nicht unbedingt etwas mit den später tatsächlich realisierten Größen zu tun haben", so Scoones. Eine neue Version von Land Matrix versucht jetzt, die einlaufenden Informationen zu validieren, doch das ist oft leichter gesagt als getan. "Bessere Daten für die Gesamtsituation gibt es aber leider auch nicht", sagt Philipp Baumgartner. Ebenfalls schwierig sind die Ertragsprognosen, die der derzeitigen Produktion gegenübergestellt werden. Auch hier stellt sich oft im Lauf des Projektes heraus, dass die Erwartungen bei weitem nicht erfüllt werden können.

Dennoch bleibt wohl kein anderer Weg, als mit moderner Technologie und Züchtungsforschung die Erträge gerade in Afrika zu erhöhen. Auf dem Kontinent soll sich nach den jüngsten UN-Projektionen die Bevölkerung bis zum Ende des Jahrhunderts fast vervierfachen - gerade im subsaharischen Teil. All diese Menschen zu versorgen wird nur mit intensiverer Landwirtschaft auf allen verfügbaren Flächen gelingen. Großinvestitionen mögen da durchaus eine positive Rolle spielen, wenn sie das Wohl der einheimischen Bevölkerung berücksichtigen." Allerdings sind Mischformen, etwa die Zusammenarbeit mit Kleinbauern durch Vertragsanbau, oder die Förderung der Bauern, etwa durch Hilfe bei der Markterschließung, wünschenswert", so Philipp Baumgartner, "nicht nur aus Sicht der Produktivitätssteigerung, sondern auch aus Sicht der Armutsreduktion und lokaler Nahrungsmittelsicherung."