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Wirbelstürme ziehen ostwärts

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 20.09.2016 12:49

In den Präriestaaten der USA sind Wirbelstürme regelmäßige Erscheinungen. Vornehmlich im Frühling, aber auch in Sommer und Herbst ziehen Tornados durch einen Korridor, der sich von Texas bis nach Kanada zieht. Eine statistische Analyse von US-Forschern, die jetzt im „Journal of Applied Meteorology and Climatology“ erschien, zeigt allerdings, dass sich das Hauptsturmgebiet in den vergangenen 30 Jahren nach Osten bewegte.

 Schwere Schäden richtete ein Tornado in Moore, Oklahoma, am 3. Mai 1999 an. (Bild: USGS)Die Tornado-Gasse, eine von Amerikas berühmtesten Straßen, ist verlegt worden. Stadtplaner hatten bei der Maßnahme keinerlei Einfluss, der Klimawandel dagegen möglicherweise schon. Die Tornado-Gasse ist die verbreitete, wenn auch nicht streng wissenschaftliche Bezeichnung für den rund 1000 Kilometer breiten Korridor durch die US-amerikanische Prärie, in dem sich von Frühjahr bis Herbst die meisten Tornados austoben. Die Kernzone zieht sich vom nördlichen Texas über Oklahoma bis Nebraska, wobei Ausläufer sich bis Kanada erstrecken. Einer statistischen Analyse von Wissenschaftlern der Purdue University in Indiana und der Colorado State University zufolge hat sich dieser Korridor in den vergangenen 30 Jahren nach Osten verlagert und liegt jetzt über den Südstaaten Alabama, Tennessee und Kentucky. Entsprechend ist auch die Rede von einer Umbenennung der Straße in Dixie-Gasse - nach der häufig verwendeten Bezeichnung für die ehemaligen Konföderierten Staaten im amerikanischen Bürgerkrieg.

Ein Tornado bewegt sich auf Moore, Oklahoma, zu (2013). (Bild: Ks0stm/Wikimedia Commons)Die Wissenschaftler unter der Leitung des Purdue-Atmosphärenforschers Ernest Agee haben sich die kontinuierliche Tornado-Statistik vorgenommen, die die betroffenen Bundesstaaten seit Anfang der 50er Jahre führen. Damit decken sie die Region zwischen dem 80. und 105. westlichen Längengrad und dem 30. und 50. nördlichen Breitengrad ab, was in etwa dem Gebiet der kontinentalen USA zwischen den Appalachen im Osten und den Rocky Mountains im Westen entspricht. Die gut sechs Jahrzehnte umfassende Zeitreihe wurde zu Vergleichszwecken in zwei 30-Jahres-Perioden geteilt.

Die Zweiteilung ist keine rein statistische Grenze, die beiden Perioden unterscheiden sich in der Temperaturentwicklung und den Jahresmitteltemperaturen voneinander. Die ersten 30 Jahre bezeichnen Agee und seine Mitarbeiter als „kalte“ Periode, deren Jahresmitteltemperatur von umgerechnet rund 11,10 Grad Celsius auf 10,9 Grad sank. Die jüngere Zeitspanne zeigt dagegen einen Erwärmungstrend um 0,7 Grad Celsius auf zuletzt 12 Grad im Jahresmittel.  Die Autoren notieren, dass diese Temperaturtrends Folgen der menschgemachten Klimaentwicklung sein könnten, betonen jedoch gleichzeitig, dass die Ursachenforschung nicht Zweck der statistischen Analyse war.

Tornado der Stärke F5, im Juni 2007 in Manitoba/Kanada beobachtet. (Bild: Justin1569/Wikimedia Commons)Bei der Analyse wurde sowohl die Sturmintensität als auch die Häufigkeit der Tornados berücksichtigt, um Verfälschungen durch besonders schwere Wirbelstürme zu vermeiden. Aus demselben Grund wurden auch die ganz leichten Ereignisse ausgeschlossen, die auf der maßgeblichen Fujita-Skala in die Stufe 0 eingruppiert werden. Dies sind Wirbelstürme, deren Geschwindigkeiten mit hiesigen Böen vergleichbar sind. Mit der wachsenden Bevölkerungsverdichtung in den vergangenen Jahrzehnten wurden diese Stürme in immer größerer Zahl gemeldet.

Die Region mit der größten Zahl von zerstörerischen Wirbelstürmen wanderte demnach während der 60 Jahre gut 1000 Kilometer nach Nordosten. Hielt in der ersten Periode ein Dreieck im Grenzgebiet von Texas und Oklahoma um die Großstadt Wichita Falls rund 300 Kilometer nordwestlich von Dallas den Rekord, wurde es danach abgelöst durch eine Region zwischen der Großstadt Nashville im Norden, Jackson im Westen, beide in Tennessee gelegen, und Huntsville, Alabama, im Süden. Auch wenn man sich die Liste der Regionen ansieht, in denen es die stärksten Veränderungen zwischen beiden Perioden gab, trat die Ostverschiebung des Tornado-Korridors deutlich hervor. Die Regionen mit dem stärksten Rückgang lagen allesamt in Oklahoma und Texas, den Zentren der traditionellen Tornado Alley. Die stärkste Sturmzunahme dagegen mussten  Nord-Alabama verzeichnen, dicht gefolgt von Zentral-Tennessee.

Mit der geographischen Verschiebung geht offenbar auch eine Wesensänderung der Stürme einher. „Im Südosten gibt es mehr unerwartete Tornados, wenn man ihn mit den Präriestaaten vergleicht“, erklärt Ernest Agee in einer Presseerklärung der Purdue Universität. In diese Kategorie zählt der Atmosphärenforscher schwächere oder auch nächtliche Stürme, oder solche, die außerhalb der Haupt-Tornado-Saison im Frühjahr stattfinden. Ob der derzeitige Klimawandel für die Veränderungen verantwortlich ist, oder ob sie Ausdruck eines atmosphärischen Zyklus mit langer Laufzeit sind, muss dagegen weitere Forschung zeigen.