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Zeitbombe im Norden

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 26.11.2012 14:22

Seinen ersten Bericht über die dauerhaft vereisten Permafrostgebiete gibt das Umweltprogramm der Vereinten Nationen, Unep, ausgerechnet in Doha heraus. In der Hauptstadt des Wüstenstaates Katar herrschen zurzeit Temperaturen um die 30 Grad. Die UN-Behörde beweist damit Gespür wenn nicht für Ironie so doch für das richtige Timing. Der Bericht wird zum 18. Weltklimagipfel präsentiert, der Doha in den kommenden zwei Wochen mit Beschlag belegt.

Rund ein Viertel der Landoberfläche auf der Nordhalbkugel ist dauerhaft gefroren. © Alfred-Wegener-Institut/ Hugues Lantuit "Der Bericht soll den Entscheidern und einer breiten Öffentlichkeit die Folgen eines tauenden Permafrostes für das Klima verdeutlichen", schreibt Unep-Generalsekretär Achim Steiner im Vorwort. Und tatsächlich wird man es auch in den Tropen spüren, wenn im hintersten Sibirien, Alaska oder Yukon der Boden auftaut. Denn der Permafrost, der zurzeit noch rund ein Viertel der Landoberfläche auf der Nordhalbkugel umfasst, speichert etwa doppelt soviel Kohlenstoff wie die Erdatmosphäre. "Der tauende Permafrost bedingt dramatische Veränderungen in der Oberflächengestaltung, in den Ökosystemen", erläutert Professor Hans-Wolfgang Hubberten, im Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung Leiter der Potsdamer Forschungsstelle für geowissenschaftliche Studien der polaren Landregionen, "aber vor allem auch damit, was im Permafrost sozusagen über Jahrzehntausende eingefroren ist wie in einer Tiefkühltruhe, dem Kohlenstoff, dem ehemaligen organischen Material." „Die Bedeutung des Permafrostes für das globale Klima und das Leben der Menschen in der Arktis und den Gebirgen ist viel zu lange vernachlässigt worden", warnt Hugues Lantuit, Geschäftsführer der Internationalen Permafrost-Gesellschaft und Wissenschaftler an der Potsdamer AWI-Forschungsstelle, "jetzt ist die Zeit gekommen, dass auch die politischen Entscheidungsträger sich mit dieser Problematik auseinandersetzen und sie ernst nehmen." Denn zurzeit ignorieren sie das Treibhausgaspotenzial der Permafrostböden, und das könnte sich bald böse rächen.

Netzartige Strukturen aus Eiskeilpolygonen verleihen der Permafrostlandschaft ein unverwechselbares Oberflächenmuster. © AWI/K. Piel Der Unep-Bericht listet vier Studien aus den vergangenen drei Jahren auf, die das Emissions-Potential der Permafrostgebiete bis 2100 auf 43 bis 135 Gigatonnen Kohlenstoff schätzen. Die Spanne zeigt schon, dass nicht nur die Politiker, sondern auch die Wissenschaftler Schwierigkeiten haben, das Ausmaß der Problematik einzuschätzen. Zum Vergleich: Um das sogenannte 2-Grad-Ziel zu erreichen, sollten nach Studien des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts insgesamt nicht mehr als 1440 Gigatonnen Kohlenstoff in der Atmosphäre abgeladen werden, sicherer wäre eine Obergrenze von insgesamt 1000 Gigatonnen. Bis einschließlich 2011 hat die Menschheit bereits 304 Tonnen dieses Gesamtbudgets ausgeschöpft, das zeigen Zahlen des Forschungszentrums der EU und der Internationalen Energieagentur IEA. Das verbleibende Restbudget könnte durch den tauenden Permafrost um sechs bis 20 Prozent gekürzt werden. Schon ohne diese zusätzliche Kürzung müsste die Menschheit ihre Emissionen für das 2-Grad-Ziel auf dem Stand des Jahres 1990 zurückführen, also um ein Drittel senken. Und damit müsste sie bereits 2013 beginnen. Die Berücksichtigung der Permafrost-Emissionen macht daraus im Extremfall eine Halbierung.

Tauender Permafrost ließ diese Brücke der Qinghai-Xizang-Autobahn in Tibet einstürzen. © AWI/Tingjun Zhang Vor Ort, in den Arktisanrainerstaaten und im Hochgebirge kommen noch andere Probleme hinzu. Der tauende Permafrost verwandelt einst felsenfesten Untergrund in schwankenden Morast. Straßen, Brücken, Versorgungsleitungen und Häuser sind dafür nicht ausgelegt. "Staaten, die wie Russland, Kanada, China oder die USA über große Permafrost-Gebiete verfügen, sollten anfangen, mögliche Risiken, Schäden und Kosten eines großflächigen Tauprozesses abzuschätzen und zu erfassen", so Hugues Lantuit. Bisher gibt es laut Unep-Bericht nur eine Handvoll Studien, die sich mit dem Thema Folgekosten beschäftigen. Dabei sei jetzt schon abzusehen, dass in Zukunft die Zahl der Schäden deutlich steigen werde.

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