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Zeiten des Wandels

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 22.06.2009 10:14

Der Klimawandel ist nicht mehr nur eine Zukunftsvision, er wirkt sich bereits jetzt auf eine unglaublich große Zahl von Systemen und Lebewesen aus. In den Alpen schmelzen die Gletscher, in der Arktis beginnen die Eisbären so sehr unter Hunger zu leiden, dass sie übereinander herfallen, in den Rocky Mountains erwachen die Murmeltiere 38 Tage früher aus dem Winterschlaf als früher, und in der Ostsee leben inzwischen Wolfsbarsche, die sich vor 35 Jahren noch südlich des Ärmelkanals aufhielten. Auf der gesamten Nordhalbkugel erwärmen sich die Seen, wodurch sich die Planktongemeinschaft verändert und damit die gesamte Nahrungskette.

In einer unglaublichen Fleißarbeit haben Forscher unter der Leitung von Cynthia Rosenzweig vom Goddard Institute for Space Studies an der New Yorker Columbia Universität alle wissenschaftlich belastbaren Indizien für bereits jetzt sichtbare Folgen des Klimawandels zusammengetragen. In „Nature“ geben die Autoren einen Überblick über insgesamt 29.629 Datenreihen, von denen über 90 Prozent auf einen direkten Zusammenhang mit dem Klimawandel hinweisen. „Die Studie zeigt, dass Veränderungen weitverbreitet sind, dass sie weitgehend mit der Klimaerwärmung korreliert werden können, und dass sie zumindest teilweise auf den Klimawandel durch verstärkten Treibhausgasausstoß zurückgeführt werden können“, urteilen daher Francis Zwiers von Environment Canada und Gabriele Hengerl von der Universität Edinburgh in einem Kommentar.

Weddellrobben„Wir haben viele, viele Studien über die biologischen und physikalischen Veränderungen ausgewertet, wie also die Ökosysteme auf den Klimawandel reagieren, wie sich die Wasserreserven verändern, wann die Zugvögel zurückkommen“, erklärt Piotr Tryjanowski von der polnischen Adam-Mickiewicz-Universität in Posen. Ein großer Teil der ausgewerteten Studien beschäftigt sich damit, wann Blätter und Blüten ausgetrieben werden, oder wann der Herbst einsetzt. Die meisten der Daten kommen aus Europa und Nordamerika, denn hier wurden die Veränderungen in Flora und Fauna am intensivsten untersucht. „In Lateinamerika und Afrika sind zwar weniger Studien durchgeführt worden, aber wenn, dann gibt es ähnliche Ergebnisse“, betont Cynthia Rosenzweig, die Leiterin der Arbeitsgruppe. Die vom UN-Klimafolgenrat IPCC für den gesamten Planeten vorhergesagten Veränderungen, die in den Berichten des vergangenen Jahres naturgemäß abstrakt bleiben mussten, werden in der Studie von Rosenzweig und Kollegen mit konkreten Beispielen untermauert. “So konnten wird den Kreis zwischen menschengemachtem Treibhauseffekt und den beobachteten Veränderungen schließen“, erklärt die Teamchefin.

Schrägansicht des RhonegletschersDie Veränderungen sind so vielfältig wie die Lebensräume der Erde. In den Rocky Mountains, den Alpen und im Himalaya fällt weniger Schnee, in Australien sinkt der Grundwasserspiegel, dafür wachsen in der Mongolei die Fichten besser. Im beschaulichen Ithaca, New York, dem Standort der renommierten Cornell University, melden sich die Frösche früher im Jahr mit ihrem Gequake, und sowohl in Europa als auch in Australien kommen die Zugvögel früher in ihren Sommerquartieren an. Nicht einfach war es, die Klimaeffekte von anderen Einflüssen zu trennen, denen die Ökosysteme ebenfalls ausgesetzt sind. Piotr Tryjanowski: „Wir Menschen beeinflussen das Klima auch durch andere Aktionen, etwa wenn wir die Landnutzung verändern und beispielsweise einen Wald abholzen. Dann beeinflussen wir an ein- und demselben Platz nicht nur das Ökosystem, sondern auch das Klima.“

Die große Überraschung liegt für die Forscher darin, wie stark die Natur bereits jetzt reagiert hat, obwohl doch in den vergangenen 30 Jahren die globale Durchschnittstemperatur erst um 0,6 Grad angestiegen ist. Spürbare Veränderungen wurden gemeinhin erst in zehn, 20 oder 30 Jahren erwartet. Rosenzweig: „Was wird erst passieren, wenn die Durchschnittstemperatur um die zwei bis sechs Grad klettert, die der Weltklimarat der Vereinten Nationen IPCC vorhergesagt?“ Mit ihrer Detailstudie wollen die Forscher daher zu zweierlei auffordern: Erstens die Erwärmung durch Drosselung des Treibhausgasausstoßes so gering wie möglich zu halten und zweitens sich auf unvermeidliche Änderungen in unserer Umwelt einzustellen. Denn die dürften dann über früher heimkehrende Zugvögel oder länger aktive Murmeltiere hinausgehen.

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