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Zusammenbruch im Hohen Norden

erstellt von holgerkroker zuletzt verändert: 19.06.2009 08:26

Zurzeit sorgt das Bröckeln des Wilkins-Eisschelf vor der antarktischen Halbinsel wieder für Schlagzeilen. Auf der anderen Seite der Erdkugel verläuft ein weit dramatischerer Prozess komplett unter Ausschluss der Öffentlichkeit: Die Eisschelfe der kanadischen Arktisküste gehen eins nach dem anderen verloren. In wenigen Jahren werden sie Geschichte sein, und mit ihnen einzigartige Ökosysteme. Auf der Jahrestagung der Europäischen Geowissenschaftlichen Union in Wien machte ein kanadischer Wissenschaftler darauf aufmerksam.

Ayles-Eisschelf vom Satelliten ausDas Ende im hohen Norden kam schnell und unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Im Sommer 2008 verloren die kanadischen Eisschelfe 23 Prozent ihrer gesamten Fläche. „Das komplette Markham-Schelf ist verschwunden“, berichtete Luke Copland, Professor an der Universität Ottawa in Wien, „und das innerhalb von sechs Tagen.“ Zeugen gab es nur im Orbit: Der US-Umweltsatellit Terra schoss am 6. August ein Bild des Areals an der Nordküste von Ellesmere Island - da war das Schelf noch vorhanden. Auf der nächsten Aufnahme vom 12. August war nur noch offenes Wasser zu sehen.

Anders als ihre Pendants in der Antarktis - etwa das aktuell wieder bröckelnde Wilkins-Eisschelf - schreiben die Eisfelder der Arktis allerdings keine Schlagzeilen als Menetekel des Klimawandels. „Sie sind sehr entlegen und viel schwerer zu erreichen“, so Copland. Sie sind auch viel kleiner: Das größte antarktische Schelf hat etwa die Fläche von Frankreich, das Wilkins-Schelf hat immerhin noch 12.000 Quadratkilometer, drei Viertel von Thüringen also. Das Markham-Schelf vor Ellesmere Island ist dagegen nur 50 Quadratkilometer groß, etwa so groß wie Castrop-Rauxel, eine Ruhrgebietsstadt mit rund 75.000 Einwohnern. Insgesamt sind von den kanadischen Schelfgebieten nur noch mickrige 750 Quadratkilometer übriggeblieben, verteilt auf vier Teile - von denen eines, das Ward-Hunt-Schelf, schon mitten durchgebrochen ist. „Hier haben wir nur noch ein Puzzle von Eisinseln, keine geschlossene Fläche mehr“, so Copland.


Ayles-Eisschelf vom Erdboden aus.Die Tage der kanadischen Schelfe scheinen daher gezählt, seit 2005 sind bereits zwei komplett verschwunden. „Wenn unsere Kinder erwachsen sind, wird es wohl keine Arktisschelfe mehr geben“, vermutet Luke Copland. Die Wissenschaftler sehen zwei Mechanismen am Werk: Zum einen werden die Schelfe langfristig geschwächt, weil die Verbindung zu den Gletschern abgerissen ist. Was also durch Temperatursteigerungen der Luft und des Ozeans abschmilzt, wird nicht nachgefüllt. Zum anderen geht das Meereis zurück, das sich jeden Winter auf dem arktischen Ozean bildet, und damit schwindet der Schutz vor den Wellen des Ozeans. Im vergangenen Sommer stiegen zudem die Temperaturen an Land auf bis zu 20 Grad, „das ist“, so Copland, „20 Grad über den Normaltemperaturen“. Drastische Temperaturunterschiede zwischen Land und Meer aber sorgten für heftige Winde. Und diese nagen ebenfalls heftig an den brüchigen Eisflächen.

Ihr komplettes Verschwinden wäre ein herber Verlust, auch wenn sie nicht als Sperrgürtel für Festlandgletscher dienen, wie am Südpol, und daher keinen beschleunigten Gletscherabfluss auslösen werden. „Die Geographie des kanadischen Polarkreises wird sich drastisch ändern, und das wohl auf lange Zeit“, so Copland. Überdies haben sich hinter den Eispaketen weltweit einzigartige Ökosysteme gebildet. Die im Durchschnitt 40 Meter dicken Schelfe stauen Schmelzwasser auf, das von den Gletschern weiter oben am Nordstrand von Ellesmere Island herabrinnt, und das zum Teil schon seit einigen Tausend Jahren. Das Süßwasser schwimmt als geschlossene Schicht auf dem Salzwasser des arktischen Ozeans und ist den überwiegenden Teil der vergangenen Jahrtausende auch von einer Eisschicht gegen die Atmosphäre abgedichtet worden. „Erst in den jüngsten Sommern hat diese Schicht hier und da Löcher bekommen“, so Copland. In diesen rundum isolierten Süßwasserkörpern haben sich Bakteriengemeinschaften gebildet, die sich stark von denen im Rest der Welt unterscheiden. Genau sagen kann man das nicht, denn die entsprechenden mikrobiologischen Untersuchungen sind noch nicht gemacht. „Wir haben erst vor kurzem gemerkt, wie einmalig diese Süßwasserlinsen sind“, erklärt Luke Copland, „und kaum ist es uns bewusst geworden, sind sie auch schon verschwunden.“ Wenn nämlich die Staumauer aus Eis wegfällt, fließt das Süßwasser in den Ozean und das Ökosystem ist zerstört.

Copland ist derzeit wieder auf dem Weg zu seinen Eisschelfen vor Ellesmere Island. Es ist eine mühsame Anreise, denn für einen Flug mit dem Helikopter liegen sie zu weit vom nächsten Flugplatz entfernt. Flugzeuge hätten die Reichweite, müssen aber Start- und Landebahnen finden. Daher werden der Eisspezialist und sein Team das letzte Stück auf Snowmobilen zurücklegen. Wie oft er die Schelfe noch wird besuchen können, weiß der Professor aus dem südkanadischen Ottawa nicht.

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